TV-Krimi : Gestern gibt es nicht mehr

Kann ein Demenzkranker ein Mörder sein? Heikler Fall für die Münchener „Tatort“-Kommissare.

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Gut gespielt oder unheilbar krank? Kommissar Batic (Miroslav Nemec, links) kümmert sich um den verwirrten Max Lasinger (Günther Maria Halmer). Foto: BR
Gut gespielt oder unheilbar krank? Kommissar Batic (Miroslav Nemec, links) kümmert sich um den verwirrten Max Lasinger (Günther...Foto: Barbara Bauriedl

Man weiß nie, woran man bei ihm ist. Spielt er nur den Vergesslichen oder ist er tatsächlich der Welt abhanden gekommen? Keiner weiß es so recht, die eigene Familie nicht, und auch die beiden Hauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) nicht, die mit dem an Demenz erkrankten Max Lasinger (Günther Maria Halmer) konfrontiert werden. Denn bei den Lasingers am beschaulichen Stadtrand Münchens liegt eine Leiche in der Glaserei-Werkstatt. Es ist Lasingers Sohn Bernd. Und Max Lasinger gesteht sofort, er habe diesen Einbrecher, diesen fremden Eindringling, der sich auf dem Hof der verschuldeten Glaserei zu schaffen gemacht hat, stellen wollen. Da sei es eben passiert, aus Notwehr. Plötzlich war der Fremde tot.

Max’ Sohn lebte nicht mehr bei seiner Frau Karin (Johanna Gastdorf) und dem gemeinsamen Sohn Tobias (Kai Malina). Die Ehe war am Ende. Wenn Bernd vorbeikam, herrschte dicke Luft. Auch an jenem Tag, an dem er sich mit der bei den Lasingers illegal arbeitenden, aus Bulgarien stammenden Pflegekraft Dana (Vesela Kazakova) heftig stritt. Drüben, auf der anderen Hofseite, in der Glaserei, wo er später tot aufgefunden wird. Karin Lasinger will nichts gesehen haben, sie sei im Waschkeller gewesen. Tobias hat etwas mitbekommen. Nur was? Kennt er den Täter? Und der alte Max, ja, welche Rolle spielt der alte Mann bei alledem? Die beiden Münchner Kommissare haben viele Fragen zu beantworten. Der 59. „Tatort“ aus München widmet sich, wie es gerade die Fälle des bayerischen Ermittlerteams immer wieder tun, einem sozialen Thema, über das erst seit kurzem offener diskutiert wird: der Demenz. „Gestern war kein Tag“, sagt der demenzkranke Max, als er sich erinnern soll an das, was gestern geschehen ist. Doch gestern, ja, was war gestern eigentlich? Nichts. Gestern war kein Tag. Das Gestern gibt es nicht. Für Max Lasinger ist es ein großer weißer Fleck.

Der Film, von Regisseur Christian Görlitz nach einem Drehbuch von Pim Richter und Daniela Mohr inszeniert, beschäftigt sich vor allem auch mit der Bredouille, in der sich die Familie Lasinger befindet: Die Ehe ist zerrüttet, Hof und Glaserei verschuldet, Vater Max an Demenz erkrankt. Da seine Schwiegertochter Karin im Zeitungskiosk arbeitet, braucht die Familie jemanden, der sich rund um die Uhr um Max kümmert. Sonst verläuft er sich, weiß nicht mehr, wo er ist. Oder er schneidet sich an etwas. Oder er zündet versehentlich etwas an. Oder er tut einfach nur so. Dana war die ganze Zeit da. Für ihn, für den Max. Dafür bekommt sie tausend Euro im Monat. Mehr können sich die Lasingers nicht leisten. Im Pflegeheim, oder auch mit anderweitiger Betreuung, jedenfalls legal, würde dies an die 10 000 Euro kosten.

Viele Familienangehörige der in Deutschland derzeit 1,2 Millionen Demenzkranken bewegen sich in dieser Grauzone zwischen ungewollter Illegalität und finanzieller wie organisatorischer Überforderung. Dies spiegelt der Münchner „Tatort“ gut wider. Doch hinsichtlich des Spannungsaufbaus und der Erzählstruktur schwächelt dieser Fall, dem zwischendurch die Puste auszugehen droht. Denn die Geschichte um diese Familie und ihren dementen Max vermag es nicht, parallel den Spannungsbogen des Kriminalfalls mitzutragen. Und so entwickelt sich mit zunehmender Laufzeit dieses Fernsehfilms eine merkliche Kluft zwischen der sozialkritisch angelegten, nachvollziehbaren Familiensituation – die stellvertretend stehen dürfte für viele Fälle bei dieser letztlich tödlich verlaufenden Hirnerkrankung –, und der Suche nach dem wahren Mörder. Was in der Glaserei wirklich geschah, warum Dana Hals über Kopf abgehauen ist und der alte Max in den vielleicht noch wacheren Momenten behauptet, er sei der Täter – das bleibt lange offen. Etwas zu lange.

„Tatort – Gestern war kein Tag“, ARD, 20 Uhr 15

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