TV-Krimi : Spreewälder Schattengewächse

Es ist eine ganz gewöhnliche Krimi-Spannung, die hier aufkommt, gehalten und gelöst wird, aber wie das geschieht, ist ganz und gar ungewöhnlich: Ein Mord in einer verwunschenen Natur und ein ZDF-Krimi der Sonderklasse.

Barbara Sichtermann
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Die Frau des Opfers und der Kommissar. Tanja Bartko (Nadja Uhl) weiß mehr, als sie sagt, und Thorsten Krüger (Christin Redl) fühlt...Foto: ZDF

Denken Sie, ich war es?, fragt entsetzt Tanja, die Frau des Opfers (Nadja Uhl). Kommissar Krüger (Christian Redl) sagt darauf: „Ich denke nichts. Ich beobachte. Ich höre zu. Ich prüfe.“ Der Beobachtungsposten dieses ruhigen, melancholischen Polizisten ist auch der des Zuschauers. Wie Krüger nimmt er zur Kenntnis, zweifelt und zieht Schlüsse. Wie der in Lübbenau festsitzende Beamte aus dem Westen blinzelt er in die entrückte winterliche Spreewald-Landschaft. Und wie der einsame, maulfaule Bulle verguckt er sich dabei in die ungemein reizende, hochschwangere, traurige Tanja.

Ihr Mann Daniel (Hinnerk Schönemann) ist der Tote im Spreewald. Ein Fährmann, der Touristen durch die Spreekanäle stakt, entdeckt die eingefrorene Leiche in einem Seitenarm. Krüger kommt hinzu. Er sucht die Witwe auf. Die ahnt schon Schlimmes, ist aber seltsam gefasst. Ihr Vater, Jäger und Förster im Revier (Herrmann Beyer), ist auch im Haus. Er sorgt sich um die Tochter und das Enkelkind in ihrem Bauch. Tanja schickt ihn weg. Sie und Krüger sehen sich an. Der Kommissar weiß genau, dass sie etwas verschweigt, aber auch, dass es keinen Sinn hätte, Druck zu machen. Er geht und rekonstruiert Daniels letzte Tage.

Der junge Mann gehörte zu den Fährmännern, die mit Touristen in Barken durch den Spreewald schippern. Er war Sorbe – Angehöriger einer Minderheit, die es schon in der DDR schwer hatte. Jetzt will man den sorbischen Bauern ihr Land abschnacken, aber wo sollen die dann hin? Arbeit gibt es nicht, die Erwerbslosenquote in der Region liegt bei 25 Prozent. Daniel hatte weder mit der sorbischen noch mit der DDR-Tradition was im Sinn, er wollte weiterkommen. Mit den Kollegen lag er im Dauerstreit, mit seiner Familie auch, weil er eine Nichtsorbin geheiratet hat. Deren Vater hasst ihn, weil er Sorbe ist und deshalb zu nichts nutze. Und dann gibt es da noch die Polen, die im Spreewald wildern und Nutria aufbringen, kleine Pelztiere, begehrt wegen ihres schönen Fells. Zu DDR-Zeiten wurden sie hier gezüchtet, nach der Wende frei gelassen, ganz wie die Menschen. Und ganz wie diese konnten sie mit der neuen Freiheit nichts anfangen, schlichen nachts zurück in ihre Käfige.

Aber da war nun niemand mehr, der sie fütterte. Des Toten Bein steckt in einem Fangeisen. Hat ein polnischer Wilderer ihn auf dem Gewissen? Nein, sagt die Pathologin, gestorben ist er an einem Schlag über den Schädel, er ist nicht ertrunken, und der Fundort ist mal wieder nicht der Tatort. Krüger hat ein ganzes Bündel von Motiven und Verdächtigen an der Hand. Zumal da noch eine junge Frau auftaucht, eine schöne Polin (Anne Ratte-Polle), mit der Daniel verreisen wollte.

Es ist eine ganz gewöhnliche Krimi-Spannung, die hier aufkommt, gehalten und gelöst wird, aber wie das geschieht, ist ganz und gar ungewöhnlich. Da ist erst mal die Landschaft, der Spreewald im Winter, der trotz seiner zauberischen Qualität nie wie eine süße Kulisse wirkt, sondern stets wie ein mitleidloser Schauplatz, ungerührte Natur. Da ist zweitens die Montagetechnik, mittels derer Thomas Kirchner (Buch) und Christian von Castelberg (Regie) den Film bauen. Der recherchierende Krüger kriegt alles raus, die ganze verzwickte Vorgeschichte dieses Falls. Aber die wird nicht durch schlichte Rückblenden, sondern als Inszenierung von Erinnerungen mitgeteilt. Daniel selbst sitzt in einem Versteck an seinem Notebook und schreibt Tanja einen letzten Brief – der dann Film wird. Und um die Entfremdung des Paares Daniel/Tanja zu zeigen, greifen Kirchner/Castelberg zu einer gewagten Machination. Krüger ist bei Tanja. Sie redet. Sie redet ihren toten Mann herbei. Sie spricht mit ihm, und Krüger hört zu. Krüger hilft der Verzweifelten vom Boden auf, wo sie eben noch die Beine ihres Mannes umklammert hat. Der ist jetzt nicht mehr zu sehen. Er war eine Halluzination. Als solche aber war er im Raum, auch Krüger hat das empfunden.

„Der Tote...“ ist ein Krimi, ein Milieufilm, eine Studie über die Zentnerschwere, mit der die Vergangenheit auf der Gegenwart lasten kann. Er überzeugt in allen Disziplinen. Und in einer vierten: Er ist auch ein Schauspielerfilm. Kaum je hat man Redl, Uhl, Schönemann und Beyer so konzentriert, so meilenweit entfernt von jeglicher Mache erlebt.

„Der Tote im Spreewald“, 20 Uhr 15, ZDF

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