TV-Krimi : Südens Gespür für Schicksale

Nach den München-Krimis von Friedrich Ani: Mit Ulrich Noethen schickt das ZDF am Samstagabend mal einen etwas anderen TV-Ermittler an den Start. Dabei tauchen sogar Tsunami-Opfer wieder auf.

Katrin Hillgruber
268098_0_c9bae27b.jpg
Wo ist die Königin? Ulrich Noethen (links) als Kommissar Tabor Süden von der Vermisstenstelle der Kripo München, Held der zehn...

„Mein Name ist Tabor Süden. Ich arbeite als Kommissar auf der Vermisstenstelle der Kripo in München und kann meinen eigenen Vater nicht finden.“ Süden - ein ungewöhnlicher Name, der eine Himmelsrichtung und das Fernweh nach ihr zugleich signalisiert, und eine nagende, womöglich unstillbare Sehnsucht, die der Neue gleich im zweiten Satz ausspricht: So hat sich selten ein Fernsehkommissar vorgestellt. „Auf die Idee, Süden könnte wie Ulrich Noethen aussehen, wäre ich nie gekommen“, gibt Friedrich Ani zu – und ließ sich dann zum Glück doch eines Besseren belehren. In seinen bisher zehn, mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten „Süden“-Romanen hat der Sohn eines Syrers und einer Bayerin ein höchst eigenwilliges München-Bild jenseits der Erfolgsmeilen gezeichnet. Obwohl kein Tropfen Blut fließt, wissen Anis Charakterstudien von Verlierern, Ausreißern und Gestrandeten vom ersten Moment an zu fesseln.

So erging es auch dem Produzenten Oliver Berben, der während einer Ayurveda-Kur „mit dem Lesen nicht mehr aufhören konnte“. Mit seiner Begeisterung für „diese sehr ungewöhnlichen und starken Geschichten“ regte er das krimistarke ZDF zu einer neuen Reihe mit konstanten Hauptdarstellern und wechselnden Regisseuren an. Denn Tabor Süden, seinem Freund und Kollegen Martin Heuer (Martin Feifel) und der von ihnen still verehrten Sonja Feyerabend (Jeannette Hain) geht es nicht um die Identifikation von Mordopfern, sondern von Lebenden. „Manchmal ist Überleben nur durch Weggehen möglich“, sinniert Süden, während die Kamera versonnen auf Ulrich Noethens Gesicht verharrt. Die Idee zu seiner Krimireihe hatte Friedrich Ani exakt am 17. November 1997. Er sah Tabor Süden nackt im Wald sitzen und mit einem Gnom sprechen. „Das wird jetzt schwierig“, habe er sich da gedacht. Diese versonnene Vertracktheit zeichnet auch die beiden ersten Versuche aus, den Kommissar von der Literatur ins Fernsehen zu transponieren.

Den Anfang machen mit einem Sommer- und einem Winterfilm Martin Enlen und Dominik Graf, die „ihr“ Vermisstenkommissariat elf noch in der 50er-Jahre-Glasbaustein-Atmosphäre des alten Zollamtes ansiedeln konnten, bevor dieses saniert wurde. Enlen drehte mit „Das Glockenbachgeheimnis“ einen der interessantesten Münchner „Tatorte“. In ihm spielte Iris Berben mit, die in der heutigen Auftaktfolge „Kommissar Süden und das Geheimnis der Königin“ eben jene vermisste „Königin“ alias Soraya Roos verkörpert. Ihr Foto wird zwischen den Habseligkeiten eines Toten in einem Abbruchhaus entdeckt. Der Mann ist offensichtlich verhungert. Mit der für ihn typischen melancholischen Hartnäckigkeit nimmt Tabor Süden Sorayas Spur auf.

Für Martin Enlen bedeutete die Vermisstensuche eine besondere Herausforderung: „Es geht darum, Friedrich Ani und der Geschichte gerecht zu werden, indem man darstellt: Wie nimmt Tabor Süden die Dinge wahr? Bei mir gibt es Einstellungen, wo im Vordergrund nur Süden zu sehen ist und der Hintergrund verschwimmt, was für TV-Sehgewohnheiten ungewohnt ist.“ Besonderes Lob zollt er Ulrich Noethens zurückgenommenem, intuitiven Spiel, das Martin Feifel als gewohnt wilder Mann und Bierliebhaber kontrastiert.

„Ich habe ,Süden’ wie eine ganz eigene Welt gelesen“, sagt Dominik Graf, dessen Verfilmung „Kommissar Süden und der Luftgitarrist“ am 20. April ausgestrahlt wird. Darin geht es unter anderem um einen Taxifahrer, der seine seit dem Tsunami von 2004 für tot erklärte Frau in der U-Bahn wiedergesehen haben will. Hat sie sich heimlich ein neues Leben aufgebaut? Graf, der als Regisseur mit dem „Fahnder“ groß wurde, findet es reizvoll, die aus der Spur geratenen Lebenswege von Menschen zu verfolgen, „die ihre Jugend in der noch-glücklichen BRD der achtziger Jahre verlebt haben, und die nun fast alle in den Verwerfungen des wiedervereinigten Deutschlands am Ende der Fahnenstange angekommen sind.“ Es wird spannend, mit dem medial begabten Tabor Süden in die Wechselfälle des Lebens einzutauchen.

„Kommissar Süden“, 20 Uhr 15, ZDF

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben