TV-Kritik "1000 - Wer ist die Nummer 1?" : Da ist noch Luft nach oben

Das ZDF hat eine neue Samstagabend-Show. Unser TV-Kritiker gibt einen Tipp ab: Das neue "Wetten, dass...?" ist es nicht.

Richard Weber
Johannes B. Kerner bei "1000 - Wer ist die Nummer 1?".
Johannes B. Kerner bei "1000 - Wer ist die Nummer 1?".Foto: dpa

Im Vorfeld hatte es bereits Aufregung gegeben: Bei den Aufzeichnungen erlitt einer der Kandidaten sogar einen Herzinfarkt, es gab Verletzungen, kollabierende Teilnehmer. Im Sportdress mussten sie in der Kälte warten, Spielgeräte funktionierten wegen leerer Batterien nicht, Aufzeichnungen gabe es morgens um 3.30 Uhr. Warum das Alles? Das ZDF dreht eine neue Samstagsabend-Show. Titel:  "1000 – Wer ist die Nummer 1?" Das Konzept: eine Mischung aus Quiz, Geschicklichkeit und Sport. 1000 Mitspieler kämpfen gegeneinander im K.O.-System. Der Sieger bekommt 100.000 Euro.

Und dann geht es los. Samstagabend, 20.15 Uhr, erste Runde. Ein Hindernisparcours. Schaumbecken. Strohballen zum Darüberklettern. Tarnnetze zum Darunterdurchkrabbeln. Eine Reifenwalze. Tore mit Quizfragen. Verschiedenen Antwortmöglichkeiten. Eine Anmutung von "Spiel ohne Grenzen". Aber ohne Phantasie. Ein trister Abenteuer-Spielplatz-Abklatsch. Dazu da, um aus 1000 Kandidaten 500 auszusieben. Die Show-Dompteure: Das-Neue-Alte-ZDF-Gesicht und Wirklich-Alles-Weg-Moderierer Johannes B. Kerner und Sport-Expertin, "Anchor Woman", Fernsehjournalistin Kate Abdo. Eine Paarung, aufregend wie ein Cocktail aus Valium, Baldrianwurzel, Hopfenzapfen und Passionsblumenkraut.

Kerner, ungeschlagener Meister der Nonsens-Plaudereien: "Das ist die jüngste Teilnehmerin. Wie alt bist du?" "18 Jahre alt." "Wie lange bist du schon 18?". Oder so: "Hier sind zwei, die müssen offensichtlich etwas miteinander zu tun haben. Ihr kennt euch schon länger?" " Ja." "Wie lange kennt ihr euch?" "28 Jahre." "Wie alt bist du?" "28." "Ihr seid Zwillinge?" "Ja." "Man sieht es ein bisschen."

Und jetzt bekommt Kerner außerdem Konkurrenz. Kate Abdo gelingt es, aus Kurzinterviews Dadaismus-Dialogen zu machen. "Du bist Weltrekordmeister im Dauerfernsehen?" "Ja." "Das nimmt ja ziemlich viel Zeit, oder?" "Ja." "Nicht schlecht. Eine Frage? Hilft das dir hier bei dieser Runde?" "Solange keine Fernsehsendungen gefragt werden, nicht." "Dann drücken wir dir die Daumen."

In der nächsten Runde geht’s um Intelligenz. 10 Fragen. Aus 500 werden 250 Kandidaten. Zwei gleiche Bilder.  Auf einem fehlt ein Gegenstand. Der muss gefunden werden. Kerner gibt Hilfe: "Für die Studenten, das sind alles Haushaltsgeräte." Weiter geht’s mit so spannenden Frage wie: Welches Ereignis fand in Angela Merkels Geburtsjahr statt? Antworten: 1) Das Wunder von Bern. 2) Die Krönung von Königin Elisabeth II. 3) Die Barbiepuppe kommt auf den Markt. 4) Gründung der BRD.

Markus Lanz wird zur wohlwollenden Alternative

Die nächste Runde – Aufmerksamkeit. Show-Act "Light Balance". Danach sollen Details, die Farbe der Schnürsenkel oder die Anzahl der Kraken-Arme, beantwortet werden. Dann müssen die Mitspieler balancieren. Auf Stelen. Auf einem Bein. Dann Euromünzen ertasten und die Summe bilden. Puzzles lösen. Kartenhäuser bauen. Zum Schluss Sektgläser stapeln.

Im ZDF-Presseportal wird ein "großes Show-Format mit internationalem Look" versprochen. Das hat der Regie wohl keiner gesagt. Eine optisch langweilige Präsentation. Eine Soße aus Supertotale, extrem Totale, Totale und Halbtotal. Nahe, Großaufnahmen oder Details kennt man wohl nicht. Die Establishing Shots-Orgie erzeugt Distanz. Desinteresse am Spielverlauf. Die Kandidaten bleiben auch steril. Farblos. Dürfen vorformulierte Mehrzeiler aufsagen: "Mein Bizeps ist zwar schon relativ stark. Aber ich will euch zeigen das mein Wille und Ehrgeiz noch viel stärker sind als jeder einzelne Bizeps von den 999 Kandidaten da draußen. Und ich deswegen das Ding rocken kann und vielleicht auch die Nummer 1 werden kann." Oder belanglose Fragen beantworten.

Zwei Stunden 23 Minuten und 45 Sekunden dauert der Show-Koloss. Uninspirierte Fließband-Unterhaltung. Sehnsucht nach Entertainer-Perlen wie Gottschalk, Carrell, Joko und Klaas, Schmidt oder Kerkeling. Als am Ende sogar Markus Lanz als wohlwollende Alternative erstrahlt, wünscht man sich ein schnelles Erwachen aus diesem Samstag-Abend-Alptraum.

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