TV-Kritik "Anne Will" : Edmund Stoiber ist immer noch der bessere Seehofer

Bei Anne Will sollen die Talkgäste an den "Tatort" anknüpfen und über den Umgang mit kriminellen Zuwanderern diskutieren. Doch zum Thema gibt es wenig Erkenntnis.

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Talkgastgeberin Anne Will
Talkgastgeberin Anne WillFoto: dpa

Die Masche zahlt sich offenbar quotenmäßig aus: Erst gibt es einen Tatort, möglichst mit einem Thema, das Anne Will in ihrer anschließenden Sendung aufnehmen kann, dann bleien die Krimifans dran, sind entsprechend emotional konditioniert, und manchmal hat man den Eindruck, auch die Teilnehmer von Anne Wills 60-Minuten-Talk hätten vorher den Krimi auch vertragsgemäß anschauen müssen. Ganz so funktionierte es offenbar auch mal wieder zuverlässig am Sonntagabend.

Der Tatort aus Köln hatte den Titel „Die Wacht am Rhein“, es ging um Zuwanderer als Täter und Opfer, oder als Opfer, die zu Tätern werden – und umgekehrt.

Bei Anne Will lautete das Thema „Bürger verunsichert – Wie umgehen mit kriminellen Zuwanderern?“ und die Besetzungscouch war topp ausgestattet: Olaf Scholz, erster Bürgermeister der Stadt Hamburg; Simone Peter, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen; Edmund Stoiber, Bayerns Ex-Ministerpräsident; die kurdisch-jesidische Journalistin Düzen Tekkal und der aus Tanger stammende, in Düsseldorf lebende Samy Charchira, der sich als Sozialpädagoge um Migranten kümmert.

Stoiber, "das blonde Fallbeil"

Der Zuschauer erlebte einen zurückhaltend-klaren Olaf Scholz ("Die Polizei muss immer hart gegenhalten"), eine nicht überzeugende Simone Peter, die der CDU vorwarf, sie habe die Polizei kaputt gespart, einen Samy Charchira, der nüchtern feststellte, dass sich kriminelle Verhaltensweisen nicht zuvorderst an bestimmten Ethnien, sondern an sozialen Milieus festmachen lassen; eine engagierte Journalistin Düzen Tekkal, die die Defizite des Rechtsstaates beklagte und knallhart feststellte, dass Neuankömmlinge die Situation verschlechterten. Das war die auch beim Berliner SPD-Fraktionsvorsitzenden Saleh festzustellende Erfahrung, dass die vorherige Migrantengeneration sich durch Gesetzesverstöße der nachfolgenden Einwanderer besonders verletzt fühlt.

Und dann war da eben Edmund Stoiber, der Mann, der sich als CSU-Generalsekretär vor mehr als 40 Jahren den „nom de guerre“ das blonde Fallbeil erworben hatte. Stoiber nahm es auch diesmal wieder mit der Wahrheit nicht so ganz genau, etwa, als er behauptete, das Vertrauen des Bürgers in den Sozialstaat sei  erodiert – rechtzeitig vor Sendeschluss versorgte ihre Redaktion Anne Will noch mit dem Faktum, dass nach jüngsten Umfragen 73 Prozent der Befragten dem Rechtsstaat vertrauen….

Es ändert nichts daran, dass Stoiber alle unter den Tisch redet. Dass er triumphiert, weil Angela Merkel nun endlich zugegeben habe, dass 2015 der Staat die Kontrolle über die Zuwanderung verloren habe; dass er darauf beharrt, dass die Bundeswehr endlich im Inneren eingesetzt werden müsse; dass Bayern sicherer sei als der Rest der Republik; kein Wort darüber, dass die vielen Flüchtlinge,  die ab September 2015 über Passau nach Bayern kamen, von ganz normalen Bürgern, von Bürgermeistern und Landräten und Hilfsorganisationen rührend-menschlich empfangen wurden; kurz: Wenn Edmund Stoiber sich nicht in Details verlieren will, tut er genau dies, und zwar in jene Details, die ihm passen.

Am Ende haben wir weniger darüber erfahren, wie man mit kriminellen Zuwanderern umgeht, als darüber, warum Stoiber auch heute noch der bessere Seehofer ist.

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