• TV-Kritik "Anne Will" zum Fall Albakr und Terror: Mehr Optimismus geht nicht am Sonntagabend

TV-Kritik "Anne Will" zum Fall Albakr und Terror : Mehr Optimismus geht nicht am Sonntagabend

Ob der Staat dem Terror gewachsen sei, wollte Anne Will von ihren Gästen wissen, aufgerollt am Fall Jaber Albakr. Erst gab es Streit, dann aber breiten Konsens.

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Talkgastgeberin Anne Will
Talkgastgeberin Anne WillFoto: dpa

In Sachsen bastelte ein Syrer an Bomben herum, das gelang. Sachsens Polizei wollte ihn festnehmen, das misslang. Drei Syrer überwältigten Jaber Albakr, das gelang, Sachsens Polizei konnte ihn festnehmen. Jaber Albakr beging Selbstmord in einem sächsischen Gefängnis. Mehr Versagen geht kaum, mehr Aufmerksamkeit für ein Thema auch nicht. Anne Will griff zu: „Der Fall Albakr – Ist der Staat dem Terror gewachsen?“

Der sächsische Justizminister Sebastian Gemkow hat für sich wie für die Polizei- und Justizbehörden in seinem Bundesland eine klare Überlebensstrategie  verordnet: Es wurden keine Fehler gemacht, also muss keiner und schon gar nicht Gemkow selber Verantwortung übernehmen. Es sei keine Suizidgefahr bei Albakr erkannt worden, sagte der CDU-Politiker, also konnte auch keine  Sonderbehandlung angeordnet werden. Anderenfalls wären die Grundrechte Albakrs verletzt worden. Wolle das jemand, im Rechtsstaat Deutschland?

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wollte weniger Schuldfragen diskutieren, sondern lieber Lehren aus dem Vorfall ziehen. Auch der ARD-Terrorismusexperte Georg Mascolo spielte nicht den Richter, musste er auch nicht, weil die Vorsitzende der Linken-Partei, Katja Kipping, bei Sachens Polizei- und Justizbehörden auf „Pleiten, Pech und Pannen“ erkannte. Sie empfahl, ungewöhnlich für eine Linkspolitkerin, eine 24-Stunden-Stuhlwache, also die Dauerüberwachung eines Menschen. Mit Herrmann geriet sie sodann in einen heftigen Streit über Sinn und Zweck des Verfassungsschutzes; neu war an diesen Positionen nichts, das Hin und Her unterstrich die Fähigkeit der Politiker links wie rechts zur Rechthaberei.

Nach einer halben Stunde „stand“ die Sendung; wer Streit mag, wurde gut bedient, wer sachdienliche Hinweise zum Thema erwartete, dachte ans Umschalten.

Ein Syrer als Joker

Moderatorin Anne Will, die bis zum Stillstand die Runde energischer als sonst leitete -  Sachsens Justizminister nahm sie quasi ins Kreuzverhör - , zog ihren Joker, als sie Abdul Abbasi in die Mitte der Runde holte. Der 22-jährige Student der Zahnmedizin betreibt einen Videoblog. Dort übersetzte er den Fahndungsaufruf der sächsischen Polizei und verbreitete ihn über Facebook. Das war seine Eigeninitiative, und Abbasi wunderte sich nicht wenig, dass die deutschen Behörden so gar nicht an eine Zusammenarbeit mit der syrischen Community gedacht haben - und denken.

Abbasi wurde noch schärfer: Werden die Syrer in Deutschland überhaupt ernstgenommen oder werden sie  im Zuge der strukturellen Diskriminierung nicht alle als potenzielle IS-Terroristen verdächtigt? Gibt es genug Aufmerksamkeit für rechte Übergriffe, für Rassismus?

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Sächsische Justiz verteidigt nach Suizid al-Bakrs ihr Vorgehen
Sächsische Justiz verteidigt nach Suizid al-Bakrs ihr Vorgehen

Herrmann reagierte verschnupft, Kipping mit weiterer Kritik an der sächsischen Regierungspolitik, Gemkow reagierte mit Schärfe auf Kipping. Abdul Abbasi hatte, mit geschickter Unterstützung von Anne Will, die Diskussion geöffnet und geweitet: Wie hältst Du es mit dem Flüchtling? Große Frage, schwierige Debatte, für die Parteipolitik, für die Gesellschaft.

Frage beantwortet

Georg Mascolo rollte im Schlusswort, ja im Schlussplädoyer, den Konsensteppich aus, indem er den gemeinsamen Gefährder aller beschwor: Terroristen seien geübte Fallensteller, die IS-Ideologen wollen die Gesellschaft spalten, einen Bürgerkrieg zwischen Nichtmuslimen und Muslimen herbei bomben. Dieses Spiel dürfe von keinem mitgespielt werden.

So gesehen war die Eingangsfrage beantwortet: Der Staat, die Gesellschaft, sie sind dem Terror gewachsen. Bis er denn kommt, der wahre Terror-Horror? Mascolo hält Deutschland für stabil und stark genug, ihn auszuhalten. Mehr Optimismus geht an einem Sonntagabend nicht. Anne Will übergab kommentarlos an die „Tagesthemen“. Wahrscheinlich hatte sie im Ohr, was der Zukunftsforscher Harald Welzer gerade gesagt hatte: „Politik ist nicht nur das, was am Abend bei Anne Will passiert.“

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