TV-Kritik : Bibel, Esel und Kondome

TV-Moderatorin Sarah Kuttner hat ein neues Betätigungsfeld: Kleinanzeigen. Dann, wenn das ARD-Stammpublikum längst im Tiefschlaf liegt, menschelt Kuttner. Kurz und knackig - aber ohne Tiefgang.

Bertram Küster
Sarah Kuttner
Sarah Kuttner findet im Kleingedruckten die Geschichten unseres Lebens. -Foto: ddp

BerlinDie Vermisstenanzeige für einen Esel führt uns in die Fränkische Schweiz. Das Tier wurde einst zum Schutz vor einem Mini-Hengst mit ausgeprägter Libido verkauft. Jahre ist die einstige Besitzerin verzweifelt auf der Suche nach der der "grauen Lola“ und spricht von dem Tier als wäre es ein verlorenes Kind ("Ich möchte nur wissen, ob es ihr gut geht“). Nur ein kurzes Gespräch, doch das reicht, um das Leid der Frau zu erahnen. Wen das interessiert? Sarah Kuttner, die frühere MTV-Moderatorin. In ihrer neuen ARD-Sendung "Kuttners Kleinanzeigen" spürt sie eben solchen hinterher.

"Ich kauf doch nicht die Nutte im Sack"

Eigentlich müsste man sagen: hetzt hinterher. Denn viel Zeit hat Kuttner nicht im Gepäck. Mit der Hoffnung, dass die Dame "mit dem großen Herz“, vereint mit Lola, bald wieder ruhig schlafen kann, geht es schon zur nächsten Station: In Saarbrücken wird ein Bordell verkauft. Aus Altersgründen. "Ich kauf doch nicht die Nutte im Sack“, sagt sich Kuttner und lässt sich das Etablissement vor Ort erstmal zeigen. Schließlich geht es hier ja ums Schlüssellochgucken.

Die leichtbekleideten Angestellten huschen, etwas gestellt, über die Flure, dazu hat die Redaktion Gainsbourgs "Je t’aime“ ausgesucht - was sonst? Und bei der Inspektion der Nachtschränkchen findet die Moderatorin – Überraschung - Deo, Gleitcreme und Kondome. Erst als Puffmutter Patricia von ihren Beweggründen spricht, das Bordell abzutreten, kommt etwas Tiefgang in die Geschichte. Sie will ein neues Leben in ihrer Heimat Kolumbien anfangen "und das hier vergessen“, sagt sie. Doch bevor zu sentimental wird, ist Kuttner schon wieder fort.

Hinter den Gardinen

Angenehm zurückhaltend und für ihre Verhältnisse auch unaufgeregt kommt Kuttner mit den Menschen ins Gespräch. Gefahr, sich zu langweilen, kommt dabei nicht auf. Dafür sorgt schon der flotte Schnitt der einzelnen Episoden. Der ist manchmal vielleicht sogar zu flott. Denn gerade die Geschichte von Patricia hätte noch ein paar Fragen mehr verdient. So entsteht wenig Tiefgang. Der Blick hinter die Gardinen deutscher Wohnstuben hat aber dennoch seinen Reiz. Jede einzelne der vier Episoden hat ihren Moment. Die Reise durch die Kleinanzeigen ist kurzweilig, abwechslungsreich - und macht so auch zu nachtschlafener Zeit noch Spaß.

Zum Schluss geht es noch zu einer Schwäbin nach Stuttgart, die die kleinste Bibel der Welt zum Verkauf annonciert hat. Naja, da hat sich die Moderatorin wohl einen Bären aufbinden lassen. Das Ding hat nur acht Seiten. Wie sich herausstellt, wollte die Frau nur einen Staubfänger aus ihrem Setzkasten loswerden. Und im norddeutschen Rantrum trifft Kuttner auf einen Teenager, der alte Kinderklamotten gegen Kaffee tauschen will. Ein kurzer Plausch auf vier Quadratmetern Teenagerzimmer gewährt einen ebenso kleinen Einblick in die Lebenswelt der Landjugend.

Die Geschichten hätten mehr Zeit verdient

Nach den bisherigen Stationen von Sarah Kuttner hätte man Schlimmes befürchten können. Doch entgegen dem früher ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung, nimmt sich die Moderatorin jetzt deutlich zurück. Das tut der Sendung gut. Denn so erhalten die Menschen hinter den Kleinanzeigen das nötige Rampenlicht. Schade, dass die Geschichten etwas hektisch abgehandelt werden. Denn etwas mehr Zeit hätten sie verdient.



"Kuttners Kleinanzeigen", ARD, sonntags, 23.30 Uhr




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