TV-Kritik : Bitte versöhnlich!

Das Jahr war gar nicht so schlecht - das haben die TV-Rückblicke bei Kerner und Jauch gezeigt. Keine Spur von Krise, kein Ärger, keine Skandale. Stattdessen eine Frau, die eine Gabel verschluckt und mitteilungsbedürftige Promis. Haben die, die das Fernsehen machen, ein anderes Jahr erlebt als die, die Fernsehen schauen?

Matthias Kalle
Kerner und Jauch
Gleiche Sendezeit, gleiche Studiofarben, gleiche unbedeutende Themen: Die Jahresrückblicke von Kerner (l.) und Jauch. -Foto: dpa

Es gibt ja Dinge, an die möchte man überhaupt nicht erinnert werden. Bei manchen ist das die erste Liebe, bei anderen das letzte Wochenende, aber für fast alle ist es dieses Jahr, das gerade zu Ende geht, dieses verdammte 2008, in dem irgendwie alles schief ging, am Ende sogar die Programmplanung von ZDF und RTL, denn beide zeigten am Sonntagabend ihre Jahresrückblicke.

Johannes B. Kerner trat gegen Günther Jauch an. Quantitativ gab es zwar einen Sieger (er heißt Günther Jauch, ihn sahen 5,74 Millionen Zuschauer, Kerner 5,10 Millionen, aber der Tagessieger ist tatsächlich der "Tatort" in der ARD), qualitativ gab es allerdings nur Verlierer. Und das kam so: Das ZDF startet einen Tick früher, die Sendung "Menschen 2008" kommt aus einem Studio, das aussieht, als hätte man "Anne Will" auf die Größe von "Wetten, dass...?" aufgeblasen, aber als man zu RTL schaltet, zu "Menschen, Bilder, Emotionen", denkt man: Irre - die senden nicht nur zur gleichen Zeit, die senden auch aus dem gleichen Studio.

Vielleicht wäre es mal an der Zeit, dass die sich außer Rot und Braun noch andere Farben für ihre TV-Shows ausdenken. Die Hülle ist also die Gleiche - welchen Inhalt soll man aber schauen? Kerner beginnt mit einem Thema, das er im März in seiner Sendung bis zum Umfallen durchgekaut hatte, nämlich mit einem Flugzeug, das in Hamburg gelandet ist. Nebenbei war es zwar etwas windig, aber das ein Flugzeug landet, taugt irgendwie nicht zur Sensation, damals nicht, heute nicht. Bei Jauch turnt währenddessen Florian Hambüchen, einer der Versager von Peking, seine Olympia-Kür noch mal. Warum? Gibt es nachträglich Gold? Wusste Hambüchen, dass er dann einem 96-Jährigen die Hand schütteln muss, der einen Spagat kann?

Ein Typ, der nicht lustig ist und trotzdem das Olympiastadion voll kriegt

Alte Menschen, die körperlich was können, scheinen aber gut anzukommen. Kerner hat eine 82-Jährige da, die macht einen Rückwärtssalto ins Wasser. Vielleicht lautet die Aussage: Solange Menschen so was machen, kann es um die Welt nicht schlecht stehen. Überhaupt denkt man als Zuschauer, wenn man zwischen Kerner und Jauch hin und her schaltet, dass das Jahr so schlecht nicht gewesen sein kann, bei dem, was die uns davon zeigen.

Kleine Babys bei Kerner, eine Frau, die eine Gabel verschluckt hat bei Jauch, drei Olympia-Sieger, von denen man zwei überhaupt nicht kennt, bei Kerner, ein Typ, der überhaupt nicht lustig ist, aber damit trotzdem das Olympiastadion voll gekriegt hat. Kein Ärger, keine Skandale, keine Krisen - haben die, die das Fernsehen machen, ein anderes Jahr erlebt als die, die Fernsehen schauen? Oder war am Ende alles gar nicht so schlimm, wie wir immer dachten?

Kurt Beck, der in seiner politischen Laufbahn schon bessere Jahre erlebt haben dürfte, sitzt bei Günther Jauch, redet sieben Minuten, und die Erkenntnis, die danach bleibt, ist: Der ist aber dünn geworden! Die Jahresrückblicke schaffen immerhin, dass man als Zuschauer nur noch die Oberfläche sieht, mehr aber auch nicht. Bei manchen gibt es aber auch nichts anderes.

Nicht einmal Jens Lehmann und Oliver Kahn zoffen sich

Die Sängerin Sarah Connor sitzt bei Günther Jauch. Die hat im Privatfernsehen schon so ziemlich alles von sich gezeigt, was man niemals sehen wollte. Sie steht also irgendwie stellvertretend für viele Katastrophen des Jahres 2008. Am Sonntagabend waren diese Katastrophen ihre Haare und ihre Kleidung - was sie sagt, was sie erzählt, ganz ehrlich: Wen interessiert das? Diese Frage hält sich, ZDF und RTL senden fast dreieinhalb Stunden, sie wird nicht beantwortet.

Einmal, ganz kurz, könnte man wenigstens gut unterhalten werden, das passiert ausgerechnet bei Kerner, da sitzen Jens Lehmann und Oliver Kahn auf dem Sofa (bei Jauch ist währenddessen ein langweiliger deutscher Formel-1-Fahrer zu Gast). Das könnte doch jetzt lustig werden, oder gerne auch furchtbar, es könnte wenigstens einen inszenierten Gag geben. Doch stattdessen passen sich die beiden dem Grundsatz des Genres TV-Jahresrückblick an - zum Schluss bitte versöhnlich werden.

Bis zum Ende muss man dann noch Paul Potts (Jauch), die schlechteste deutsche Vereinsmannschaft (Kerner), den schwangeren Mann (Jauch), Udo Lindenberg (Kerner) ertragen. Und als man nicht mehr an eine Überraschung, einen Höhepunkt glaubt, kommt Veronica Ferres bei Jauch ins Studio. Leider dauert es drei Sekunden, bis man merkt, dass das nur Britta Steffen ist, eine Schwimmerin, die bei den Olympischen Spielen ganz doll Franziska van Almsick umarmt hat. Das waren damals schockierende Bilder, auch daran wollte man eigentlich nie wieder erinnert werden.

Irgendwas vergessen? Eines vielleicht noch: Am Ende sagte Marcel Reich-Ranicki bei Kerner drei Sätze zu dem Roman „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche. Fand er nicht gut. Hatte man aber auch irgendwie geahnt.

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