TV-Kritik : Das Beben der Bilder

Vergesst Libyen: Das starke Erdbeben in Japan ist Katastrophe und Medienereignis zugleich.

Johannes Schneider

Nicolas Sarkozy war der Einzige, der das Thema Libyen halbwegs auf der Agenda hielt. Um 11 Uhr 55 am Freitag drang der französische Staatschef mit der einzigen Nicht-Tsunami-Eilmeldung des Vormittags in die Nachrichtenredaktionen der Republik vor. Mit seiner beim EU-Sondergipfel geäußerten Forderung, als letztes Mittel gegen Gewalttaten des Gaddafi-Regimes mit „gezielten Aktionen“ vorzugehen, durchbrach Sarkozy die Phalanx der Chaosmeldungen aus Japan. Der Konflikt, eigentlich als internationales Top-Thema des Tages erwartet, war zu diesem Zeitpunkt fast komplett herausgeschwemmt aus der Nachrichtenlage.

Libyen im Bürgerkrieg hatte dem Ansturm der Bilder aus Japan nichts entgegenzusetzen. Angesichts der perfekten Dokumentation eines Unglücks in einem hochtechnisierten Land verschwand der schwer zu dokumentierende militärische Konflikt nahezu umgehend aus den Top-Aufmacher-Spalten und Nachrichtenübersichten. Dort hatte es Libyen schon in den vergangenen Wochen nicht einfach gehabt – angesichts der telegenen „Causa Guttenberg“.

Der deutsche Nachrichtensender n-tv sendete am Freitagmorgen bereits Minuten nach dem Hauptbeben vor der japanischen Küste Bilder brennender Gebäude in Tokio, es folgten Aufnahmen rasend vorwärtsdrängender Wassermassen, von einem Wellenkamm, der wie mit dem Lineal gezeichnet auf das Ufer zuraste, und Frauen, die aus dem Dachgeschoss eines Hauses verzweifelt winkten. Live-Bilder zeigten, wie eine Flutwelle eine Schnellstraße erreichte und die fahrenden Autos fortspülte.

Die Bilder setzten das Beben zu einem Zeitpunkt auf Platz 1 der Agenda, als noch kein einziges Todesopfer bestätigt war. Bei n-tv war schon am Morgen vom „Mega-Erdbeben“ und dem „Mega-Tsunami“ die Rede. „Monster-Beben! Tsunami!“ titelte bild.de am Vormittag. Nachrichten-Agenturen und Fernsehsender von ARD bis ZDF versuchten verzweifelt, Stimmen aus Japan einzuholen – doch wozu eigentlich? Das mit der Wasserwand nachvollziehbare Überrolltwerden einer Landschaft, die auf den Bildern von Feldern, Autos, Einfamilienhäusern und Industriegebieten teils frappierend der mitteleuropäischen glich, war grausig genug und faszinierend.

Nun macht es das Unglück, dessen tatsächliche Dimensionen erst nach und nach offenbar werden, nicht kleiner, dass seine perfekte mediale Darstellbarkeit es deutlich schneller zum Top-Thema werden ließ als die in ihren Dimensionen vergleichbaren Katastrophen in Haiti und Thailand. Auffällig war nur, wie sehr mediale Berichterstattung von Bildern lebt, wie mediale Aufmerksamkeit von Bildern gelenkt wird.

Was an den Aufnahmen aus Japan bewegte und berührte, das waren nicht allein die Opferzahlen, die sich von Stunde zu Stunde steigerten: Es waren die unmittelbare Wucht und Begreifbarkeit einer übermenschlichen Bedrohung, das Horrorszenario des schicksalhaften Einbruchs in eine friedliche Lebenswelt, perfekt dargestellt in den Luftaufnahmen der Kamera-Helikopter. „2012“, der eigentlich unglaubliche Katastrophenfilm von Roland Emmerich, ist damit bereits 2011 Realität geworden.

Mit seinen Bildern erfuhr das Medium Fernsehen dabei ein erstaunliches Comeback: Bei diesem Weltereignis waren Facebook und Twitter einmal nicht die proaktiven Medien – hier wurden, neben Gebeten und Wünschen für die Menschen in den Katastrophenregionen, vor allem Links zu den eindrucksvollsten TVStreams verbreitet. Johannes Schneider

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben