TV-Kritik : Der Richterspruch des Publikums im TV-Fall Kachelmann

Bei Sandra Maischberger und Markus Lanz wurden die Zuschauer am Dienstagabend noch einmal mit dem Kachelmann-Urteil gelangweilt. Viel spannender als beide Sendungen war das, was im Vorfeld der Talkshows passierte.

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Auch nach dem Richterspruch geht die Diskussion im Fall Kachelmann weiter.
Auch nach dem Richterspruch geht die Diskussion im Fall Kachelmann weiter.Foto: dpa

Vielleicht kommt man der Wahrheit mit der Tatsache ein wenig näher, wenn man weiß, dass die meisten Fernsehzuschauer am Dienstagabend die ARD-Krankenhausserie "In aller Freundschaft" eingeschaltet haben. Krankenhaus, Freundschaft, Ärzte die helfen - das ist möglicherweise alles schon kompliziert genug.

Viel komplizierter muss es am Montag und am Freitag in den Redaktionen der TV-Talkshows "Menschen bei Maischberger" und "Markus Lanz" zugegangen sein. Weil am Dienstagvormittag der Urteilsspruch im Fall Kachelmann gefällt wurde, mussten für den Dienstagabend Gäste zu diesem Thema her, denn die Zuschauer - so die Rechnung der Redaktionen - wollen alles wissen, jede Meinung, jede Einschätzung. Ist Recht Gerechtigkeit? Welche Rolle spielen die so genannten Medien? Welche differenzierte Ansicht hat eigentlich Alice Schwarzer zu all dem? Doch, oh Schreck, all das wollten am Ende dann doch viel weniger wissen - und vielleicht war die geringe Einschaltquote beider Talkshows so etwas wie der Richterspruch des Publikums: Sie gaben sich einen Freispruch von dem Thema.

Der Fall Kachelmann
Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.Weitere Bilder anzeigen
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31.05.2011 20:26Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.

Spannender als beide Sendungen war ohnehin das, was offensichtlich im Vorfeld passiert ist: Der Online-Mediendienst "meedia" meldete bereits am Montag, dass Alice Schwarzer ihm gegenüber bestätigt habe, dass Johann Schwenn - so wie sie auch - von der Maischberger-Redaktion als Gast eingeladen war. Er sollte zusammen mit Ralf Witte kommen. Witte saß fünf Jahre im Knast, weil er ein Mädchen vergewaltigt haben soll. Als Schwenn sein Anwalt wurde, erwirkte er einen Freispruch - und eben dieser Witte schrieb Kachelmann eine Mail, erzählte ihm seine Geschichte, woraufhin Kachelmann seinem damaligen Verteidiger Birkenstock das Mandat entzog und es Schwenn gab. Außerdem sei die mehrfach preisgekrönte "Zeit"-Reporterin Sabine Rückert bei Maischberger eingeladen gewesen - Rückert berichtete über den Kachelmann-Prozess.

Weder Rückert, noch Schwenn, noch Witte waren Gäste bei Maischberger am Dienstagabend. Alice Schwarzer allerdings schon. Sie soll sich gegen das Kommen von Sabine Rückert gewehrt haben und wird so zitiert: "Zum einen schien mir das dann doch ein bisschen viel Schwenn-Fraktion, zum zweiten möchte ich den Eindruck eines 'Hennenkampfes' vermeiden."

Alice Schwarzer saß also am Dienstagabend mit dem ARD-Rechtsexperten Karl-Dieter Möller, einem ehemaligen Richter, einer Staatsanwältin, der Schauspielerin Ingrid Steeger und einem Mann namens Roger Schawinski in der Sendung - Schawinski war mal Chef von Sat.1 und ist Schweizer, so wie Kachelmann, und vielleicht hatten alle anderen Schweizer keine Zeit.

Schwenn und Witte hatten dann am Dienstag aber trotzdem keinen freien Abend, denn sie waren die Gäste von Markus Lanz, und da können sie noch von Glück sprechen, dass sie nicht aus Versehen bei Kai Pflaumes "Starquiz" gelandet waren, so ein Hin und Her war das: richtigen Sender finden, den Weg zum Studio - es hätte alles auch ganz schlimm ausgehen können.

Schlimm wurde es dann nur für den Zuschauer, der bereits in der ARD eine Sondersendung zum Kachelmann-Urteil ertragen musste, aufgemacht wie ein "Brennpunkt". Während diese Sendung aber noch um Nüchternheit bemüht war, brachen bei Maischberger und bei Lanz alle Dämme - leider die Spannungsdämme, deshalb trat die Langeweile ungehindert aus. Sätze, wie man sie im vergangenen Jahr gefühlt hundert Mal gehört hat ("Recht ist nicht Gerechtigkeit", "Am Ende sind alle Beteiligten beschädigt", "Über die Rolle der Medien wird noch zu sprechen sein"). Für den Brachial-Lateiner wurde der Ausspruch "in dubio pro reo" bis zum Exzess durchdekliniert - und wer dachte, mit einem Urteilsspruch sei es auch endlich mal gut, der konnte sich nur wundern.

Und wer beide Sendungen dann doch bis zum Ende durchgehalten hat, der weiß jetzt immerhin, dass der Unterhaltungswert von Johann Schwenn ziemlich hoch ist (Lanz); dass es vernünftige Richter gibt (Maischberger) und dass die vielleicht größte Verliererin in der ganzen Sache Alice Schwarzer heißt, die sich auf einem richtigen Weg meilenweit verlaufen hat und nicht wieder zurück findet. Und der Zuschauer weiß jetzt auch, was er schon ahnte: Wenn es nicht mal im Gerichtssaal um die Wahrheit geht - dann mit Sicherheit auch nicht im deutschen Fernsehen.

Heute Abend heißt übrigens das Thema der ARD-Sendung "hart aber fair" "Kachelmann: Freispruch vor Gericht, aber lebenslänglich vor der Öffentlichkeit?" Als Gäste begrüßt Frank Plasberg Ursula Schele, Hansjürgen Karge, Alex Baur und Beate Wedekind. Das Urteil der Fernsehzuschauer wird für Donnerstagmorgen erwartet.

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