TV-Kritik : Die andere Seite von Pisa

Der "Polizeiruf“ blickt hinter die Mauern eines Brandenburger Elite-Internats. Eine Folge, die sich in Verschwendung übt und erst zum Ende gut wird. Aber da ist auch schon alles vorbei.

Tilmann P. Gangloff

Die Reihe „Polizeiruf 110“ war die Antwort des ostdeutschen DFF auf den „Tatort“ der ARD. Seit 1993 teilen sich die beiden ehrwürdigen Reihen den Sonntagsplatz im Ersten. Dass die „Polizeiruf“-Krimis von Anfang an eine Nummer kleiner daherkamen, war kein Problem. Dafür hatten sie oftmals die originelleren Geschichten zu bieten. Aus diesem Grund genießt der „Polizeiruf“ bei vielen Zuschauern sogar einen höheren Stellenwert als der „Tatort“, zumal die Hauptfiguren (etwa die beiden „Landeier“ aus Bergisch-Gladbach oder der melancholische Keller aus Bad Homburg) oft ungleich schrägere Typen sind als die vorhersehbaren „Tatort“-Kollegen. Kommissare wie der einarmige Münchner Tauber (Edgar Selge) oder der eigenwillige Hinrichs (Uwe Steimle) aus Schwerin genießen längst Kultstatus und sind ebenso anerkannt wie die prominenten „Tatort“-Ermittler. Wenn Preise ein Maßstab sind, dann hat der „Polizeiruf“ den „Tatort“ mittlerweile ohnehin überflügelt. Nicht zuletzt dank des dicken Polizeihauptmeisters Horst Krause, unnachahmlich verkörpert vom gleichnamigen Horst Krause, genießen die Krimis aus Brandenburg sogar einen gewissen Kultstatus. Unvergessen ist beispielsweise „Totes Gleis“ von Bernd Böhlich (Adolf Grimme Preis 1995), erster von gleich mehreren Filmen mit Ben Becker und seinem Adoptivvater Otto Sander („Das Wunder von Wustermark“, 1998, „Dettmanns weite Welt“, 2005).

Seit einiger Zeit aber sind die Krimis aus der Umgebung von Potsdam von Preiswürdigkeit weit entfernt. Es wäre sicher nicht fair, das allein an Imogen Kogge festzumachen, aber die Schauspielerin hat nie den Status von Vorgängerin Katrin Saß erreichen können. Doch auch die Drehbücher haben längst nicht mehr die Qualität der Geschichten aus München oder Schwerin. Dabei muss die Vorlage zum heutigen Fall eigentlich exquisit gewesen sein; anders ist die namhafte Besetzung des Films nicht zu erklären. Einige der Mitwirkenden haben gerade mal ein, zwei Szenen. Tatsächlich verspricht die Geschichte von Drehbuchautor Stefan Rogall allerlei Brisanz: In der Nähe eines Elite-Internats liegt ein Schüler tot im Wald, Todesursache: Alkoholvergiftung; Beschädigungen der Zähne lassen, wie das im Kriminalistendeutsch heißt, auf „Fremdeinwirkung“ schließen. Da Einrichtungen dieser Art keinerlei Skandal gebrauchen können und deutsche TV-Polizisten traditionell ein Herz für kleine Leute haben und elitären Institutionen aller Art also höchst skeptisch gegenüberstehen, sind die Fronten klar: hier die integre Hauptkommissarin Johanna Herz, unterstützt vom eifrigen Krause, dort die arroganten Schüler, ihre stinkreichen Eltern und das nicht unbedingt kooperative Lehrpersonal.

Eine vielversprechende Mischung, zumal die Figuren geradezu verschwenderisch besetzt sind, etwa mit Alexander Held als Rektor oder Hans-Werner Meyer und Nina Petri als Eltern des toten Jungen. Die interessanteste Person der Handlung taucht erst sehr spät auf: Der tote Junge hatte ein Verhältnis mit einer doppelt so alten Küchenhilfe (Inka Friedrich). Die Frau ist verschwunden. Kommissarin Herz stöbert sie schließlich in einem Hotel auf, völlig zerschunden und verstört. Endlich kann die Geschichte ihren Hintergrund, das Geraune übers Elite-Internat mit seiner Kluft zwischen den verhätschelten Kindern neureicher Eltern und den Stipendiaten, hinter sich lassen, und zur Sache kommen; leider ist sie da schon fast vorbei.

Immerhin gibt es ein paar Gründe, die Bodo Fürneisens Film dennoch sehenswert machen, etwa die vorzügliche Bildgestaltung von Frank Sthamer, der die spätwinterliche Mark Brandenburg in ein ziemlich düsteres Licht gesetzt hat; oder die eindrucksvolle Leistung des jungen Franz Dinda, der seit seinem Auftritt als Junkie in „Blackout“ (Förderpreis im Rahmen des Deutschen Fernsehpreises) als einer der hoffnungsvollsten deutschen Nachwuchsdarsteller gilt.

„Verdammte Sehnsucht“, ARD, 20 Uhr 15

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