TV-Kritik : Gehaltlos: Pilawa "unplugged"

Eine Woche ohne Internet und Handy: Fernsehmann Jörg Pilawa hat in einem couragierten Selbstversuch das Leben "unplugged" gewagt. Vermisst hat er dabei offenbar wenig. Jedenfalls kam nicht viel bei rum, als er in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" darüber berichten sollte.

Ulrike Thiele
Pilawa
Eine Woche ohne Laptop und Handy: Moderator Pilawa gibt seine Technik ab. -Foto: Screenshot

Wenn ein Fernsehmoderator eine Woche lang Handy- und E-Mail-frei lebt, dann soll das bitteschön die ganze Welt erfahren. Denn eigentlich kann ein solch wichtiger Mensch nie ohne Verbindung in die Außenwelt sein. Dank Jörg Pilawa wissen wir das jetzt. Und Jörg Pilawa hat aus seiner Woche „unplugged“ wie es bei Markus Lanz in der Sendung heißt, auch etwas gelernt: Geradezu erleuchtet hat ihn die neue Unerreichbarkeit. Deswegen wird er das Handy zukünftig am Feierabend und am Wochenende ausschalten.

Bis Pilawa in der Talkshow „Markus Lanz“ am späten Dienstagabend zu dieser Erkenntnis vordringen kann, sind allerdings rund 25 Minuten Kaffeeklatsch nötig. Sein Selbstversuch, eine Woche lang das Internet und das Handy ausgeschaltet zu lassen, hätte im Leben des Moderators zu Chaos, Verstimmung bei Geschäftspartnern und Familie, zu groben Entzugserscheinungen und lustigen Pannen führen sollen - so hätte man sich das jedenfalls gewünscht.

80 Prozent überflüssige Gespräche

Stattdessen pilawert es sich so durch die Sendung. Da wird ein bisschen rumgewundert, was man doch alles durch Internet und Handy ersetzen kann (Postkarten schreiben, Kontoauszüge holen, Bücher bestellen) und wie viel Zeit man eigentlich unnötig mit Mails lesen, Rumsurfen und Telefonieren vertut. Auf die Frage von Lanz, wie viel Prozent der Handygespräche eigentlich überflüssig sind, antwortet Pilawa: „80 Prozent“. Man kann sich irgendwie schwer vorstellen, dass das bei Pilawas Gesprächen ohne Handy am Ohr anders sein soll.

Das persönliche Highlight dieser Woche war für den Moderator tatsächlich der Besuch eines Buchladens, da er Bücher sonst nur im Internet bestellt. Auch eine Postkarte hat er geschrieben. „Man schreibt ja nicht mehr“, so sein Fazit und auch Lanz stellt fest: „Ja ja, man hat es sich abgewöhnt und schreibt kolossal schlecht.“ Wo lernt man eigentlich diese hohe Schule der Unterhaltungskunst?

Lanz versucht immer wieder, Pilawa doch noch eine persönliche Katastrophengeschichte zu entlocken. Er fragt mehrmals, ob es denn keine Entzugserscheinungen gegeben habe. Aber Jörg Pilawa hatte keine, wohl auch deshalb, weil ihm seine freundliche Assistentin Nicole alle wichtigen Termine und Gespräche aufgeschrieben hat. Jeder erfolgreiche Mann braucht eben eine Frau, die noch weiß, wie man mit der Hand schreibt.

Zeit vergeuden? Auch ohne Internet möglich

Dann wird’s noch mal kurz sozialkritisch. Pilawa berichtet in einem plötzlichen Anfall von Kulturpessimismus, dass Menschen am Arbeitsplatz durchschnittlich alle elf Minuten von einer Mail oder einem Anruf abgelenkt werden. Und dass in einem Experiment herausgefunden wurde, dass kiffende Studenten bei der Arbeit viel produktiver sind, als solche, die ständig von Mails bombardiert werden. Alles an der Produktivität des Menschen zu messen, findet nun Lanz nicht gut: „Das sagt ja sehr viel darüber aus, wie wir versuchen, Menschen eigentlich so’n bisschen tiefer zu legen.“ Bitte? „Motorleistung sozusagen.“ Ein Lanz’scher Appell gegen die totale Ökonomisierung des Menschen.

Die große Gefahr, die Pilawa nun in seiner Abstinenz-Woche erkannt hat, ist die, sich „im Netz zu verlieren“ und dabei viel mehr Zeit zu vergeuden, als man durch die Wunder der Technik eigentlich einspart. Die große Gefahr für den Zuschauer am Dienstagabend: Sich bei Markus Lanz und Jörg Pilawa im Gewäsch zu verlieren.

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