TV-Kritik "Günther Jauch" : Es gibt noch viel zu klären beim Mindestlohn

Zwei Monate nach Einführung des flächendeckenden Mindestlohns versuchte sich der Sonntagstalk bei Günther Jauch an einer ersten Bilanz. Ziemlich früh. 32.000 Anrufe bei der Hotline des Arbeitsministeriums zeigen, dass noch viele Fragen offen sind.

Kerstin Decker
Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) beim TV-Talk "Günther Jauch"
Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) beim TV-Talk "Günther Jauch"Foto: dpa/Paul Zinken

Der Mindestlohn? Das sei die DDR, nur ohne Mauer, sagte vor einer gefühlten Ewigkeit ein fast vergessener Politiker einer fast vergessenen Partei: Guido Westerwelle. Seit zwei Monaten ist sie nun überall, die DDR ohne Mauer. 8,50 Euro, mindestens. Die TV-Sonntagsrunde "Günther Jauch" zog eine erste Bilanz.

Natürlich ist das viel zu früh, aber auf jeden Fall rechtzeitig, bevor es zu spät ist. Eine Million Arbeitsplätze könnte wegfallen, warnten Sachverständige. Arbeitsministerin Andrea Nahles hatte das Gesetz trotzdem auf den Weg gebracht.

Provokation für "Herrn Nahles"

Gefühlte fünf Minuten vor dem Ende seines sonntäglichen Talks provozierte der Gastgeber die SPD-Frontfrau zu einem nervös entgleisten Lachen und dem Geständnis: „Sie verlangen eine Menge an Konzentration um diese Uhrzeit!“ Jauch hatte sie mit seiner Wer-wird-Millionär-Miene gefragt, was ihr wohl lieber sei, 50 gut bezahlte Friseure und 50 entlassene Friseure oder 100 nicht so gut bezahlte unentlassene Friseure. Es handelte sich demnach um eine Jokerfrage aus dem Bereich der fiktiven Milchmädchenrechnungen, auch hatte der Moderator die Ministerin zuvor bereits versehentlich mit „Herr Nahles“ angesprochen.

Umso wichtiger war es, dass der Moderator statt 50 gut bezahlter und 50 entlassener Friseure Jürgen Schlüns und Melanie Moos ins Studio geladen hatte. Die Servicekraft Melanie Moos, 34 Jahre alt, findet den Mindestlohn prinzipiell gut, auch wenn sie nunmehr eine entlassene Servicekraft ist. Denn sie hat ihren neuen Arbeitsvertrag nicht unterschrieben, der keine Nachtzuschläge mehr vorsieht und sich vorbehält, 50 Cent pro Stunde in Form von Naturalien zu erstatten: als Getränkepauschale. Melanie Moos sah sich außerstande, für 50 Cent pro Stunde Flüssigkeiten zu sich zu nehmen.

Realistischer Zeitungszusteller

Der Zeitungsausträger Jürgen Schlüns hingegen sollte zwar die vollen 8,50 Euro bekommen, aber unter der Bedingung, dass er die Runde, für die er bislang 94 Minuten brauchte, künftig in 52 Minuten schaffen würde.  In brauner Lederjacke mit Kastenbrille saß der Zusteller der Druckerzeugnisse da, seine Bartenden zeigten nach unten, Jauchs Mundwinkel dagegen nach oben, als er ihn ermutigend ansah: Uuund? – „Ja, fliegen kann ich nicht!“, sagte Schlüns. Zu befürchten ist, dass der Mann das mit eben diesem unnachgiebigen Realismus in Wortwahl und Stimme auch seinem Arbeitgeber erklärt hat, weshalb er „fristlos rausgeschmissen“ wurde.

Ein Bäcker aus der Oberlausitz folgte alldem nicht ohne eine gewisse Melancholie. Sechs Läden besaß er, jetzt sind es nur noch drei. Und von 34 Mitarbeitern hat er noch 22. Auch eine Folge des Mindestlohns. Aber ist er darum schon das, was die Puristen ein menschenverachtendes Kapitalistenschwein nennen würden, gegen deren Habgier die Mindestlöhne schließlich eingeführt werden?

Ilse Aigner, CSU, fand, dass dies der richtige Augenblick war zu erklären, dass sie aus einem Handwerksbetrieb komme und um die Schwierigkeiten mittelständischer Unternehmen wisse, sehr im Gegensatz zur Bundesministerin für Arbeit und Soziales, die mutmaßlich nie gearbeitet habe, zumindest nicht in dieser, nunja, unmittelbaren archaischen Weise, also mit den eigenen Händen. Jauch schaute an dieser Stelle möglichst un- und überparteilich, während der Bäcker aus der Oberlausitz sagte, dass in seinen Backstuben kein Klassenkampf stattfinde.

Mehr als 30.000 Anrufe bei der Hotline

Er erhielt unvermutete Unterstützung von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linken. Sinngemäß: Man dürfe nicht bei dem Gegensatz von Ausbeuter und Ausgebeuteten stehenbleiben, sondern es bestehe mitunter die Gefahr, dass beide gemeinsam untergehen. Eine Schicksalsgemeinschaft, von der Marx noch nicht wusste. Und im Übrigen sei er froh, dass Thüringen nun nicht mehr wie in der Vergangenheit als Niedriglohnland für sich werben müsse, mit Stundenlöhnen von 3,20 Euro. Es war schmählich, wohl nicht nur für die Verkäufer der Ware Arbeit, auch für ihre Käufer.

32.000 Anrufe sind auf der Mindestlohn-Hotline der Ministerin bisher eingegangen. Es ist noch viel zu klären. Aber keine Stimme in dieser Runde, die den Mindestlohn wieder wegwünschte.

Denn er hat nicht zuletzt einen großen symbolischen Wert: Er erkennt die Würde der Arbeit an.

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