TV-Kritik : Nur der Guido, der sah alt aus

"Verstehen Sie Spaß?", "DSDS" und "Schlag den Raab": Der Samstagabend bot einen TV-Gipfel mit der Jugend für die Jugend. Es ging um die Macht über Deutschlands junge Fernsehzuschauer.

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Guido Cantz.Foto: dpa

Es ging um die Macht, um die Macht über Deutschlands junge Fernsehzuschauer. RTL trat am Samstag mit dem Halbfinale bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) an, Pro 7 schickte „Schlag den Raab“ ins Rennen und die ARD traute sich mit „Verstehen Sie Spaß?“ eine Wettbewerbschance zu. Hier blieb es bei der Chance. Die aufgefrischte Sendung in der Premieren-Moderation von Guido Cantz erreichte in der vergötterten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen nur 800 000 Zuschauer (Marktanteil: 7,1 Prozent). „DSDS“ holte mit 3,79 Millionen (MA: 30,3 Prozent) den Sieg, Pro 7 kam auf 2,73 Millionen (MA: 24,9 Prozent).

Sehr viel besser sah es für die ARD im Gesamtpublikum aus: 4,67 Millionen Zuschauer (MA: 15,2 Prozent), deutlich überholt von RTL/„DSDS“ mit 6,24 Millionen (MA; 19,4 Prozent), aber vor Pro 7/„Schlag den Raab“ (3,97 Millionen/MA: 15,5 Prozent). Stefan Raab darf sich trotzdem als heimlicher Sieger fühlen. Nach beinahe vier Stunden und einer Gehirnerschütterung nach MoutainbikeSturz musste sich das 43-jährige „Kampfschwein“ unter den TV-Größen dem Unfallchirurgen Hans Martin nur knapp geschlagen geben. Noch nie hatte „SDR“ so viele Zuschauer, so viel Reichweite.

„Verstehen Sie Spaß“ kämpft beim jüngeren Publikum gegen seine eigene Vergangenheit an. Spätestens mit Moderator Frank Elstner hat sich die Show als TV-Must für die Generation Heizdecke etabliert. Jetzt ging ein Ruck durch den ARD-Dino: Ein Präsentator Guido Cantz, der mit 38 nur wenig älter jünger ist als die Show mit 30 Bildschirm-Jahren. Auf der Couch drängte mächtig viel Jungvolk, allen voran Lena Meyer-Landrut, „Unser Star für Oslo“, die ihren Song-Contest-Beitrag „Satellite“ in neue, fremde Ohren flößte. Comedian Michael Mittermeier ritt seine „Ich-bin-Vater-geworden“-Attitüde zu Tode, Kabarettistin Monika Gruber war scharfzüngig, Schauspielerin Anna Loos sang mit „Silly“.

Kann’s der Cantz? Er startete nervös, moderierte die Sache dann so blond weg wie seine Haare blondiert sind. Ein paar Scherzilein hier, ein paar dort, großes Hallo und Haha nach allen Seiten, die Kameras waren für die alles andere als bösartigen Reinlege-Aktionen gut versteckt. „Verstehen Sie Spaß?“ mit Cantz muss keiner lieb gewinnen, dennoch sind das überarbeitete Format und der Moderatoren-Frischling akzeptabel anzuschauen.

Mit Lena Meyer-Landrut hat die ARD ein Quotenpfund in der Hand, mit dem sie künftig sorgsam umgehen sollte. Es gilt, die Spannung bis zum Contest-Finale am 29. Mai aufrechtzuerhalten, ohne dass jede ARD-Show auf Lena-komm-rein verjüngt wird. Bei „Verstehen Sie Spaß?“ hat es schon nicht geklappt. Wahrlich nicht zum Vorteil geriet der GudioCantz-Premiere, dass sie mit zwei Stunden, 47 Minuten gefühlt länger dauerte als die Fernsehoper „Schlag den Raab“ (drei Stunden, 50 Minuten) und zwei Mal so lange wie „DSDS“ mit zwei Stunden, 13 Minuten (Show plus Entscheidung).

Bei „DSDS“ gehen Menowin Fröhlich und Mehrzad Marashi ins Finale, Manuel Hoffmann schied aus. Fröhlich und Marashi sollen sich nicht leiden können, der aufgebrachten Fan-Gruppen wegen hatte RTL die Security verstärkt. Ob das nicht bloße Spannungsdramaturgie ist, damit es im Showdown zur Kernschmelze der Emotionen kommt? Vorhersage: Menowin Fröhlich wird gewinnen, nicht weil er seinen Kontrahenten MM um Längen überragt, sondern die glasklare Alternative zu Lena Meyer-Landrut ist. Die öffentlich-rechtliche Unschuld räumt derzeit in den Charts ab, dass Juror Dieter Bohlen der Selbstbräuner aus dem Gesicht fällt. Singen ist das eine, öffentliche Performance und Personality sind das andere. Menowin Fröhlich, der polizeiauffällige Proll, taugt auf seine Weise zur gewinnbringenden Vermarktung durch Bohlen, RTL und die angeschlossenen Unternehmungen. Der 23-jährige Münchner kommt von unten, drei Kinder mit der Cousine, größtenteils mit Hartz IV durchs Leben gekommen. Gut, auch die Eltern der pieksauberen Grand-Prix-Starterin sind geschieden, doch sonst? Ballettunterricht, der Opa war Botschafter in der Sowjetunion, ihr Kleinst-Tattoo ist eine Ritterlilie, was Reinheit und Unschuld signalisiert. Menowin hat sich einen Notenschlüssel (!) in seinen linken Oberarm stechen lassen und ist überhaupt schmuck.

Und dann sagte Lena-Liebling bei „Verstehen Sie Spaß?“, sie würde einen Sieg in Oslo für ein bestandenes Abitur eintauschen, aber sofort. Das wird die rare Jugend nicht gehört haben, wohl die Millionen Eltern am Bildschirm. Eine Ola-Welle muss durchs Vati-und-Mutti-Land gegangen sein, spätestens, als Lena Meyer-Landrut die Halle in Halle gegen 22 Uhr verließ. Höchstwahrscheinlich, damit sie am Sonntag wieder fürs Abitur büffeln konnte. Sie gibt sich nur ein bisschen kind- und streberhaft, bricht mit ihrer koks- und komasauffreien Existenz dem Bürgertum eine Fernsehgasse. Vor Lena Meyer-Landrut muss keiner Angst haben, eher jeder Angst um sie.

Weil da diese Menowin Fröhlichs sind. Auch er ein Schnittmuster, nimm die Vorstadt-Silos, da laufen und lungern sie herum. Und träumen vielleicht doch nur vom Leben einer Lena Meyer-Landrut – wer wollte eintauschen, was MF in seinem jungen, intensiven Leben hinter sich gebracht hat?

Wie wäre es eigentlich, wenn Lena und Menowin mal ein Duo bilden? Versöhnung zwischen Oben und Unten, Reich und Arm, Abitur und Pisa-Schock. Eine Ballade von „The Beauty and the Beast“. Da werden selbst die Hammerharten aus Deutschlands Ghettos ins Taschentuch flennen.

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