TV-Kritik : Politiker-WG im Fernsehen- warum eigentlich?

Der WDR hat eine Politiker-WG ins Fernsehen geholt. Das hätte er lieber bleiben lassen sollen.

Richard Weber
Zimmer frei! Die Politiker-WG im WDR
Zimmer frei! Die Politiker-WG im WDRFoto: WDR

Duisburg-Marxloh. Sozialer Brennpunk. Sieben Politiker von CDU, SPD, Grünen, der Linken und der FDP. Leben zusammen in zwei Wohnungen. Sieben Tage lang. Müssen verschiedene Aufgaben erfüllen. Und Kameras sind fast immer dabei. Titel: „Die Politiker-WG“. Eine von rund 30 neuen Sendungen. Programm-Overkill beim WDR. Eine kleine Auswahl: „CouchClub“ - „ein bunter Nachmittag mit Gästen zum Quatschen, Aktionen zum Mitmachen und spannenden Geschichten.“
„Jetzt bestimmen wir!“ - „Verkehrte Welt in den heimischen vier Wänden: Eine Woche lang übernehmen in zwei Familien die Kinder das Ruder.“
„Mission Garten“ - „…ein neues Gartenformat, in dem ein hochkompetentes und "international" besetztes Team von Gartenprofis Familien aus ganz NRW bei der Gartengestaltung hilft.“

Neue Sendungen. Grundsätzlich was Gutes. Schon viel zu lange sind Regionalprogramme langweilige und unkreative Abspielstationen für langweiliges und unkreatives Programmfüllmaterial. Das Durchschnittsalter des WDR-Zuschauers liegt inzwischen bei 64 Jahren. Junge Zuschauer dringend gesucht. Da wird gnadenlos angebiedert und auf jugendlich gemacht.

„Die Politiker-WG“ hat Grafiken und Zwischen-Texte im Graffiti-Style – das kann aber nur eine TV-Führungskraft kurz vor der Pensionierung für jugendliche Formensprache halten. Übliche quotenbringende Gesetzmäßigkeiten erfolgreicher Privat-Sender-Formate wie „Die Super Nanny“, „Raus aus den Schulden“ oder „Big Brother“ werden mit politischem Bildungsanspruch der Öffentlich-Rechtlichen zusammengemixt. Heraus kommt ein unbefriedigender, saftloser TV-Hybrid.

Mini-Disput mit einem Protagonisten, der zu spät zum Meeting kommt

Warum müssen ortsfremde Politiker bei diesem Pseudo-Experiment mitmachen? Warum müssen sie zusammen wohnen, wenn nur im Gemeinschaftsraum Kameras laufen. Spärliche „private“ Einblicke – ein Gespräch beim Frühstück über das kalte Duschwasser, eine kurze Erzählung von nächtlichen Alpträumen und ein Mini-Disput mit einem Protagonisten, der zu spät zum Meeting kommt, weil er sein Handy nicht aufgeladen hat.

Und ein Politiker erwischt beim Einkaufen in einem türkischen Supermarkt statt Mineralwasser Zitronenlimonade. Bisschen dünne der Versuch, Politiker menschlich darzustellen. Außerdem vergessen die Sieben einfach nicht, dass die Kameras meistens laufen. Da werden unbehelligt Rollen gespielt. Farblos und fad. Und die Redakteure der Reportage tun nichts, um die Politiker mal aus der Reserve zu locken. Fragen werden nur gestellt, wenn sie nicht weh tut. Vornerum Kuschelkurs. Hintenrum wird’s gemein. Der Off-Kommentar, pseudo-kritisch und im klischeehaften, jugendlichen Schnodder-Duktus.

Die Verteilung der Zimmer –undemokratisch. Manuel Dröhne von der SPD - der Typ „Schauen-wir-mal“. Und weil Lisa-Marie Friede beim Hausbesuch nicht gleich hilfsbereit losplappert, fordert der Off-Sprecher mahnend Aktionismus. Ansonsten besuchen die Politiker einen Deutschkurs, sind beim Fasten-Brechen in einer Moschee. Und stellen bei einem Arzt-Termin fest, wie viele Bewohner von Marxloh keine Krankenversicherung besitzen. Die gestellten Aufgaben – ein Jugendtreff, eine Versuchsküche und kostenlose Medikamente werden teilweise erfüllt. „Die Politiker-WG“, der heiß ersehnte und lang erhoffte Wendepunkt, um Jugend ins Altenheim WDR zu locken? Sicher nicht. Vielleicht passiert das Wunder ja bei „Mischen impossible?“ Da durchforsten YouTube-Stars die WDR-TV-Archive.

Hört sich nach einer aufregenden Sendung für aufgeweckte Babys an.

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