TV-Kritik : Verstörender Auftritt eines Präsidenten

Maybrit Illner lässt Georgiens Staatschef Michail Saakaschwili ausführlich zu Wort kommen. Garniert wurde die Runde mit drittklassigen Talkshow-Hoppern. Das Ergebnis blieb dürftig.

Sebastian Bickerich
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Maybritt Illner und ihre Gäste. -Screenshot: tagesspiegel.de

Man hätte es wissen müssen. Er hätte es wissen müssen. Was um alles in der Welt trieb Georgiens Präsident Michail Saakaschwili, nicht nur in Südossetien die Russen zu provozieren, sondern im ZDF am Donnerstag um 22:15 Uhr mit abgehalfterten Ex-Politikern und dem lallenden Peter Scholl-Latour zu debattieren? Dass er es doch tat, verschärfte den an deutschen Stammtischen in diesen Tagen bereits längst verfestigten Trend: Ist halt nur eine Bananenrepublik, dieses Georgien, und dessen amerikanisch parlierender Präsident latscht nicht nur vor jede Kamera von CNN, sondern auch zu Maybrit Illner.

15 Minuten hatte Saakaschwili Zeit, um Altbekanntes zu wiederholen: Die Russen hätten Georgier aus Südosseten und Abchasen vertrieben, Georgien sei Opfer einer "wohlgeplanten" Aggression gewesen. Russische Pässe, die vordatiert in Südossetien verteilt worden seien, zeigte er in die Höhe, hantierte vor einem Satellitenbild herum, um Vertreibungen aus der Gegend um Zchinwali zu dokumentieren. Ob er sich nicht doch vorstellen könne, eines Tages Südossetien anzuerkennen? "Stellen Sie sich vor, jemand vertreibt alle Bayern und erkennt es danach als unabhängig an: Würden Sie da mitmachen?" Zeit für Illner, ihre Talkrunde vorzustellen - lauter Exe: Ex-Ausländerbeauftragte Marieluise Beck, Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe, Ex-Botschafter Igor Maximytschew, Dauerpublizist Peter Scholl-Latour und der Experte der Deutschen Wirtschaft für Russland, Klaus Mangold. Saakaschwili fuchtelte derweil mit seinem Handy herum. Schrieb er eine SMS an seinen Pressesprecher - "Was soll ich hier"?

Fragen beantworten: Welchen US-Präsidentschaftskandidaten er unterstütze (beide), wie es weitergehen solle mit Georgien ("wir werden nicht kapitulieren"), ob er nicht doch auch Fehler gemacht habe ("auch der Papst macht Fehler"). Als ihn Illner schließlich mit "das war unser Präsident aus Tiflis" verabschiedete, hätte die verbleibende Runde einiges tun können, um den verstörenden Auftritt des Präsidenten einzuordnen, zu erklären. Das blieb aus. Schnell breitete sich wie auch in anderen Talk-Formaten dieser Woche stattdessen die beruhigende Einsicht aus, alle Kriegsparteien seien verrückt, am wenigsten noch Russland, viel mehr schon die Georgier, und am schlimmsten die Amerikaner und die Nato. Die hätten Russland schließlich provoziert; die Nato sei "ein Kriegsinstrument gegen Russland geworden", polterte Scholl-Latour. Mangold war voller Sorge um die deutsche Wirtschaft, die Sanktionen gegen Russland jetzt nicht gebrauchen könne - und "nur wegen Georgien dürfen wir doch Russland nicht verspielen". Ex-Botschafter Igor Maximytschew klagte über die verrückten "Grusinen" (Georgier) in Tiflis und darüber, Russland werde vom Westen "wie ein Aussätziger behandelt", sei "eingekreist" und hätte "alles verloren" seit dem Ende der UdSSR. Dass die nicht mehr existierte, schien die drei außerordentlich zu beunruhigen; vor allem Scholl-Latour, der immer wieder den Kalten Krieg beschwor.

Die einzig vernünftige Stimme der Runde war Volker Rühe, der nach vorne blickte. "Nutzen sie doch die Chancen, die sie haben", rief er dem Russen Maximytschew zu, sein Land habe doch "viel gewonnen" in den letzten Jahren. Er verstünde nicht, wieso Russland immer noch am Verlust eines auf Gewalt und Bomben fußenden Unrechtsregimes laboriere, statt sich seiner demokratischen Werte zu besinnen. Sanktionen seien falsch, lieber sollten Russen weiterhin in den Westen kommen, um zu sehen, was Freiheit bedeute. Das gelte auch für Georgien, das nach Europa gehöre. Schade nur, dass dessen Präsident nicht darauf gewartet habe, dass Südosseten und Abchasen eines Tages von selbst in einem wirtschaftlich starken, westlichen Georgien leben wollten als von Russland abhängig zu sein. Stattdessen ließ er Bomben sprechen, das Ergebnis ist bekannt.

Saakaschwili war in diesem Moment nicht mehr in der Leitung.

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