TV-Kritik "Werbe-Check" : Warum nicht auch Sandkörner am Strand zählen?

Mit unerschütterlichem Aufklärungswillen haben sich ARD-Tester Werbespots vorgeknöpft und auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht. Die kaum verblüffende Erkenntnis nach 45 Minuten Kinderei: Man darf nicht alles glauben.

Richard Weber
Die Schrottladys im "Werbe-Check" der ARD
Die Schrottladys im "Werbe-Check" der ARDFoto: SWR/Claus Hanischdörfer

Die Checkeritis lebt, ist nicht tot zu kriegen. Nach Gesundheitscheck und Haushaltscheck, nach Ikea, Levis's und Iglo, nach Deutscher Bahn, Aldi und Saturn sind jetzt Werbeversprechen dran. Titel: Werbe-Check (1).

Vollmundig wird schon mal auf der ARD-Internet-Seite werbe-gelabert: „Was bleibt von einem teuren Werbespot übrig, wenn man sein Versprechen auf die Probe stellt? Die Reporter vom Werbe-Check haben genau das getan und dabei Verblüffendes herausgefunden. (…) Kritisch, spannend und unterhaltsam wird die Wahrheit hinter der schönen Welt der Hochglanzbilder enthüllt.“

Weil Fernsehen, haben die Werbe-Check-Reporter natürlich Werbespots gecheckt. Diät-Drink Almased, Tesa Powerbond, E-Mail made in Germany und den Sparreisefinder der Deutschen Bahn. Im Internet kommt das Wort „kritisch“ vor. Deshalb wird wohl im Beitrag mehrmals verkündet, dass der Werbe-Check „objektiv und ergebnisoffen“ sei. Ja, was denn sonst? Ist das so unüblich oder so bemerkenswert, dass man es extra erwähnen muss?

"Was für eine Pleite"

Der Tesa-Spot verspricht, dass mit dem Montageband sogar eine Waschmaschine an die Wand klebt. Das muss ausprobiert werden. Die Tester - zwei Alteisenhändlerinnen aus Essen. In der Bauchbinde steht „Schrottladys“. Warum Monika und Nicole Expertinnen für die Tragfähigkeit von Tesa sind? Wahrscheinlich sind zwei langhaarige Damen optisch attraktiver als zwei kurzhaarige Männer. Überall wo man was ohne Loch befestigen will, soll Tesa-Band helfen. Der Spiegel an der Schranktür hält nicht. Die Garderobenhaken auch nicht. Der Off-Kommentar verzweifelt: „Was für eine Pleite.“ Der Tonfall bleibt gramgebeugt sorgenvoll. „Wieso wirbt TESA mit einer an der Wand klebenden 70-Kilo-Waschmaschine? Und hier bleiben nicht mal 700 Gramm an der Wand? Wir müssen reden. Und zwar direkt mit Tesa.“

Mit einer großen Portion Aufklärungswillen im Gepäck finden die Werbe-Check-Checker heraus, dass das Klebeband nur auf sehr glatten Oberflächen funktioniert. Und dass der Klebestreifen fest und luftdicht an den Untergrund gepresst werden muss. Und schon klappt's mit dem Spiegel und den Garderobenhaken. Jetzt kommt aber die Waschmaschine ins Spiel. Und da erfahren die Investigativschnüffler von der ARD das versprochen Verblüffende. Die Waschmaschine hängt nicht seitlich an der Wand. Sie hängt an zwei verklebten Metallplatten von der Decke. Das sieht man aber im Werbefilm nicht. Fazit dieses gnadenlosen Desillusionierungsepos: „Im Werbespot wird getrickst. Aber die Klebeleistung ist stark.“

Buchen an der Steilwand

Im  Sparreisefinder-Spot bucht eine Bergsteigerin, die mit einer Hand am Fels hängt, schnell ein Ticket. Dieses schier unglaubliche Versprechen muss auch getestet werden. Von Andi Fichtner, Deutschlands schnellster Speedkletterin. Sie versagt. Dann wird’s richtig spannend. Die Werbe-Film-Berge sind künstlich und stehen in einem Studio. Und weil man bei der ARD pfiffig und nicht nur vordergründig kritisch ist, muss auch der Werbeprofi die App testen. Er braucht 90 Sekunden. Der Spot dauert nur 27 Sekunden.

Deutsche Werbewelt – reine Verdrehung. Verzerrung. Verfälschung. Nach 45 Minuten buntem und aufgehübschtem Erkenntnis-TV, der geistreiche Verbal-Höhepunkt: „Werbung erzählt uns schöne Geschichten, nicht alle sollten wir glauben.“ Das hat die ARD ganz alleine und in mühevoller Recherche-Anstrengung herausgefunden. Totale Infantilisierung der Primetime. Bald droht folgendes: Werbe-Check (10): Deutscher Strand – Lügenmärchen am Ufer: Wir zählen Sandkörner.  

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