TV-Kritik zu "Die Anstalt" : Eine Achterbahnfahrt über Gag-Berge und in Gaudi-Täler

Unser TV-Kritiker wagt es, "Die Anstalt" ernsthaft zu kritisieren und findet Licht und Schatten. Sein Fazit: Es ist noch Luft nach oben.

Richard Weber
Die neuen Gesichter der "Anstalt": Die Kabarettisten Claus von Wagner (l) und Max Uthoff.
Die neuen Gesichter der "Anstalt": Die Kabarettisten Claus von Wagner (l) und Max Uthoff.Foto: dpa

Der Sturm der Mauer am 9.11.1989, weil SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski die Zentralkomitee-Sitzung verschlafen und die Sperrfrist übersehen hat. Zwei Kreuzfahrtpassagiere, die mit einem ertrinkenden Flüchtling über Vorschriften diskutieren. Eine ehemalige DDR-Grenzsicherungskraft und ein Funktionär von Frontex, die sich gegenseitig die größere Zahl an Flüchtlingstoten um die Ohren schlagen.

Und Angela Merkel und Horst Seehofer, die vor Gott / Göttin im Himmel Asyl beantragen. "Die Anstalt“ nur eine kabarettistische Nummernrevue? Als TV-Kritiker vom Tagesspiegel die ZDF-Sendung „Die Anstalt“ zu besprechen, brandgefährlich! Minenfeld! Das Urteil muss mindestens lauten: supertoll, wahnsinnig, beispiellos, fantastisch. 1A. 100 Prozent.

Jedes Luftholen, jedes Räuspern, ein neuer, genialer Gipfel Deutscher Kleinkunst. Und wenn nicht? Wenn ein Haar oder eine Perücke in dieser Satire-Suppe gefunden wird? Dann ist das nur eine große, geheime Verschwörung. "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe hatte, wie einige andere Journalisten auch, Stress mit der Sendung, fand eine Nummer nicht okay, ging vor Gericht und verlor. Soweit so gut. Nur wenn ein Zeitungsfritze eine Kritik verfasst, vielleicht auch noch negativ, dann wird’s ungemütlich.

Alle Journalisten sind eh skrupellos und käuflich (Vorsicht – Ironie!). Journalisten sind Krähen, die sich gegenseitig kein Auge aushaken (Nochmal Vorsicht – nochmal Ironie). Und unter Journalisten herrscht ein strikterer Korpsgeist als bei der Mafia (Ist jetzt endlich Schluss mit der Ironie?). Leider gängige, übliche Meinung über Schreiberlinge in Deutschland.

Und da kann ja böse Kritik über „Die Anstalt“ nur eines sein, eine vorauseilende und solidarische Ergebenheitsadresse an Joffe und Co. Was macht jetzt der arme, fremdbestimmte TV-Kritiker? Er lehnt sich auf. Er sucht Gegenbeispiele. Will die übermächtige Big-Brother-Formulierungs-Diktatur unterlaufen, überwinden, unterbrechen. Kabarettist Jürgen Becker erklärt den allgemeinen Bildungsnotstand mit einem Witz: Eine Lehrerin will von der Klasse wissen, wer sich für dumm hält.

Und es ist noch Luft nach oben

Die Dummen sollen aufstehen. Alle bleiben sitzen. Nur ein kleines Mädchen steht auf. Auf die Frage der Lehrerin, ob sich das Mädchen selbst für dumm hält, kommt die Antwort. „Nein, aber ich wollte nicht, dass Sie so alleine dastehen“. Ein Brüller, wahr und intelligent. Das Dilemma Deutscher Bildungspolitik, anschaulich vorgeführt und gnadenlos aufgedeckt. Ein weiteres Highlight: Die Diseuse und Kabarettistin Nessi Tausendschön knöpft sich endlich mal Politiker vor: „Politiker sind für mich wie Tauben. Wenn sie unten sind, dann fressen sie uns aus den Händen. Und sind sie oben, dann bescheißen sie uns“.

Hurra! So muss man die Mächtigen vorführen. Bloßstellen. Zutreffend. Schonungslos. Bitte jetzt kein falscher Eindruck. Die Nummer mit dem ertrinkenden Flüchtling und Uthoff und von Wagner, die nur lamentieren und sich hinter Gesetzen und Vorschriften verstecken - bissig und zynisch. Marc-Uwe Kling liest aus seinem Buch "Die Känguru-Offenbarung". Zusammen mit einem Känguru treibt er einen Bänker in den Wahnsinn. Skurril und abgefahren. Auftritt des Flüchtlingschors „Zuflucht“. Keine Kabarettnummer. Aber belohnt mit Standing Ovations vom Studio-Publikum.

„Die Anstalt“ - Licht und Schatten. Eine Achterbahnfahrt über Gag-Berge und in Gaudi-Täler. Und es ist noch Luft nach oben.

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