TV-Parodie : Das Gegengift

"Switch Reloaded": Erst die Fernsehparodie macht Fernsehen verkraftbar.

Matthias Kalle
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Der beste Hugo aller Zeiten. Bei „Switch Reloaded“ wird niemand verschont, auch nicht RTL-Moderator Hugo Egon Balder, parodiert...

Fernsehen war auch schon mal lustiger. Irgendwann früher, bevor die Privatsender dachten, dass die Zuschauer vor allem freitags lachen wollen und den „Fun“ oder den „Comedy Friday“ einführten und dort dann Sendungen zeigten, Sketch-Shows vor allem, in denen sich unbegabte Schauspieler gegenseitig durch die Kulissen schmeißen. So sieht Lustigsein im Fernsehen heute aus. Oder es sieht aus wie Mathias Richling, der angeblich den „Scheibenwischer“ zerstört hat, dabei hat er sich zusammen mit Dieter Hildebrandt einfach nur zum Affen gemacht, als sie ihren Streit und die Deutungshoheit über TV-Kabarett austrugen. Nein, lustig war das alles nicht.

Und dann also dieses Format, „Switch reloaded“, auf das sich zurzeit alle einigen können, auch die, die das Fernsehen in seinen Grundwerten ablehnen. Denn „Switch reloaded“, diese Ansammlung von Fernsehparodien, würde das Medium mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Die „FAZ“ schrieb, die Sendung sei „ein Lichtblick im Programm“. Stimmt das?

Kein Text über Humor im Fernsehen, in dem nicht Harald Schmidt auftauchen könnte, müsste, sollte. In der letzten Ausgabe von „Schmidt & Pocher“, in der sie im Auto durch Köln fuhren, kamen sie aus Zufall an Dreharbeiten für „Switch reloaded" vorbei. Schmidt sagte: „Grüße bitte! Und richtet mal aus, dass die Schauspieler super sind – nur die Gagschreiber sind Mist.“ Das war natürlich so nicht ganz ernst gemeint, viele Gagschreiber von „Switch reloaded“ haben einmal für Schmidt gearbeitet, er kennt die – was soll er also sagen? Nur: Wenn man sich die aktuelle vierte Staffel von „Switch“ anschaut, die seit Ende März immer dienstags auf ProSieben läuft, dann stimmt das natürlich auch schon wieder. Diese Fernsehentlarvungsshow lebt tatsächlich von den Schauspielern, von ihrer Klasse, ihrem Timing, ihrer großen Kunst, die TV-Protagonisten in all ihrer Erbärmlichkeit und Vorhersehbarkeit vorzuführen.

Der größte Glücksfall des „Switch“-Ensembles ist Max Giermann, der unter anderem Stefan Raab, Johann Lafer, Kai Pflaume und Hugo Egon Balder parodiert. Natürlich tragen die Maskenbildner ihren Teil dazu bei, dass Giermann in jeder Rolle perfekt aussieht – es liegt aber an Giermanns Genie, immer auch zum Kern der Figur durchzudringen und die zwei, drei Dinge herauszuarbeiten, die den Parodierten ausmachen und ihn am Ende entlarven. Bei Pflaume zum Beispiel ist es dieses völlig unnütze „Nö“, bei Lafer das stille Lachen über die Nicht-Witze von Horst Lichter und bei Raab das offensichtliche Desinteresse für Inhalt und Witz. Giermann beherrscht sein Handwerk perfekt, gelernt hat er es in Berlin, auf der renommierten Schauspielschule Ernst Busch, wo er zum Clown ausgebildet wurde.

Die andere Stütze des „Switch“-Teams ist Michael Kessler, ebenfalls gelernter Schauspieler. Kessler gibt Günther Jauch und Peter Kloeppel, und es sind die Kleinigkeiten, die Nuancen in der Parodie, die seine Auftritte groß machen. Wenn er als Jauch das Publikum begrüßt: „Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu Stern TV“, und beim Nennen des Namens auf seine Karteikarte schaut, dann ist das so fein, so lustig, so gut, dass man Kessler verzeiht, wenn er manchmal in die Brachialkomik zurückfällt, wie zum Beispiel bei seiner Darstellung des Volksmusikanten Florian Silbereisen.

Interessant wird die Sendung eben immer dann, wenn eine Fernsehfigur auftaucht, die man zwar schon mal gesehen hat, aber nicht weiß, wer das denn eigentlich ist. „Switch“ verschafft diesen Menschen tatsächlich eine Kontur, wie bei der ARD-Börsen-Expertin Anja Kohl, eigentlich nur den Zuschauern bekannt, die sich für die kurze Börsensendung vor der „Tagesschau“ interessieren – durch die Darstellung bei „Switch“, die die talentierte Martina Hill besorgt, wird Kohl greifbar, bekannt. Die Parodie ist fabelhaft, Kohls B-Schwäche wird unterstützt von geisteskranken Satzaneinanderreihungen ohne Verstand („An der Pörse ist es nicht anders – erfahrene Anleger wissen dagegen längst...“) - tatsächlich ist dies nichts anderes als ein gelungenes Statement zur Finanzkrise.

Wenn man mehrere Sendungen von „Switch reloaded“ schaut, dann bemerkt man noch etwas: Schaltet man in der Werbepause hin und her, dann weiß man manchmal nicht, ob „Switch“ schon weitergeht oder ob man gerade nicht doch das Original sieht – und das ist am Ende natürlich auch ein Problem. „Switch“ zeigt das Fernsehen eben doch,wie es ist, nämlich eher schlecht. Die Parodie kommt so der Wahrheit sehr nah, sie ist keine Kopie mehr, sondern funktioniert fast wie ein Zusammenschnitt der Fernsehrealität – und das ist ja nicht lustig, sondern eher traurig.

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