TV-Porträt : Das ängstliche Genie

Arte zeigt die andere Seite von Alfred Hitchcock. Denn um pünktlich "um sechs Uhr bei Madame zum Abendessen" zu sein, durfte er nicht zu lange im Studio bleiben.

Thilo Wydra
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Alfred Hitchcock war es wichtig, nach dem Studiotag „um sechs Uhr bei Madame zum Abendessen“ zu sein. Foto: BR/Universal StudiosBR

„Die Leute glauben, ich sei ein Monster. Wirklich, das haben sie mir gesagt.“ Alfred Hitchcock (1899 bis 1980), der „Master of Suspense“, er wusste genau um die Außenwahrnehmung seiner Person. Also spielte er damit. Und dies, obwohl er, das vermeintliche Monster, ein Leben in Angst führte und somit auch Filme der Angst inszenierte. Seine Filme, die der Philosoph Gilles Deleuze einmal trefflich „mentale Bilder“ nannte, sind Angst-Filme. Hiervon erzählt „Hitchcock – Der Schatten eines Genies“. Der 101 Minuten lange Fernseh-Dokumentarfilm „Hitchcock: Shadow of a Genius“ von Autor Ted Haimes ist in den USA zwar schon vor einigen Jahren produziert und ausgestrahlt worden, doch war er in Deutschland bis dato nicht zu sehen und wird von Arte heute in deutscher Erstausstrahlung gezeigt. Über Zweikanalton ist zudem das sehenswertere Original zu sehen, bei dem Schauspieler Kevin Spacey als Erzähler aus dem Off zu hören ist.

Viele Wegbegleiter Hitchcocks kommen zu Wort, neben seiner einzigen Tochter Patricia Hitchcock etwa die Schauspielerinnen Tippi Hedren („Die Vögel“, „Marnie“) und Janet Leigh („Psycho“) oder Mitarbeiter wie Joseph Stefano (Drehbuchautor von „Psycho“). Und eben jene, die die Regie-Generation nach ihm ausmachen, die ihn als Vorbild nennen. Dazu zählt insbesondere Brian De Palma, der Hitchcock in seiner Regiearbeit am ähnlichsten war, aber auch Jonathan Demme und Martin Scorsese.

Was die Dokumentation von Ted Haimes vor allem auszeichnet, ist, dass sie ein Porträt zeichnet, das differenzierter ist als so manch andere dokumentarische Arbeit zum Meister. Hitchcock, er ließ und lässt sich nicht einfach nur als von Blondinen besessener Regisseur kategorisieren, als einer, der seine diebische Freude daran hatte, anderen kompromittierende Streiche zu spielen. Nein, das ist nur eine von vielen Seiten, die freilich medial gut auszuschöpfen war. Alfred Hitchcock war vor allem ein ängstlicher, schüchterner Mensch, einer, dessen soziales Umfeld bewusst nicht allzu groß war, einer, der am liebsten zu Hause war in Beverly Hills mit seiner Frau Alma Reville. Der Weg zu den Universal Studios war nicht weit, und selbst wenn er im Studio drehte, war er bemüht, spätnachmittags abgedreht zu haben – „auf diese Weise kann ich um sechs Uhr bei Madame zum Abendessen sein“.

Am 7. März 1979 wird Alfred Hitchcock mit dem „Life Achievement Award“ des American Film Institute ausgezeichnet. Eine späte Ehrung für ihn, der nie einen „Oscar“ erhielt. Die Veranstaltung wird im Fernsehen vor einem Millionenpublikum übertragen, und es ist so ziemlich alles da, was in Hollywood Rang und Namen hat. Ein kleiner Ausschnitt davon ist in Ted Haimes’ Doku zu sehen – es ist der bewegendste Auftritt Alfred Hitchcocks kurz vor seinem Tod. Die Danksagung des schwerkranken Mannes gilt nur einem einzigen Menschen, seiner Frau und Mitarbeiterin Alma. Thilo Wydra

„Hitchcock – Der Schatten eines Genies“, Arte, 22 Uhr 35

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