TV-Porträt : Erinnern, entdecken

Der Liedermacher Reinhard Mey im Arte-Porträt. Passend, schließlich kommt in diesem Mai sein neues Album "Dann mach's gut" heraus.

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„Dann mach’s gut“ heißt das neueste Album von Reinhard Mey. Foto: Arte Foto: © Vincent Josse
„Dann mach’s gut“ heißt das neueste Album von Reinhard Mey. Foto: ArteFoto: © Vincent Josse

Aus einer Ikone frische Funken zu schlagen, ist gar nicht so leicht. Es sei denn, die Ikone heißt Reinhard Mey und sprüht von sich aus. Alle zwei oder drei Jahre erscheint im Mai ein neues Mey-Album. In diesem Jahr ist es wieder so weit. „Dann mach’s gut“ hat nicht wie sonst 13, sondern sogar 17 Titel. „Es hat mich einfach überrannt“, beschreibt der Sänger seinen neuesten Kreativitätsschub in der sehenswerten TV-Dokumentation über sein Leben. Für Arte ließ er sich im Hamburger Bahnhof in Berlin interviewen, seinem Lieblingsmuseum. Und es fängt gleich an mit einem seiner allerschönsten Lieder, „Lilienthals Traum“, aufgenommen mit den Berliner Philharmonikern.

Da wird es bald Zeit, sich zu erinnern an die liberalen Eltern, die ihm und seiner Schwester nie das Gefühl gaben, erzogen zu werden. Vielleicht auch deshalb stellte der junge Reinhard Mey seinen Traum vom Singen zurück und lernte Industriekaufmann. Er wollte den beiden eine Freude machen. Als sie ihn später zum ersten Mal auf der Bühne der Berliner Philharmonie erleben, ist die Freude natürlich ganz auf ihrer Seite. Mey-Fans sind normalerweise eine eingeschworene Gemeinde, die Konzerte immer lange vorab ausverkauft, denn beim Familientreffen um den imaginären großen Küchentisch herum erfährt man ja auch allerlei Neues aus der Lebenswelt des Reinhard Mey.

Wer so lange nicht warten mag, sollte Sonntag zur Fernbedienung greifen. Auch da erfährt man mancherlei. Zum Beispiel, dass der Vater den kleinen Reinhard früher immer mitgenommen hat ins Museum, und das war manchmal eine Prüfung. Diese Saat sei spät erst aufgegangen, erzählt er mitten in der Kippenberger-Ausstellung. Hier entdecke er viele Sachen, die für ihn zur Kunst gehören, Spaß zum Beispiel, Lust und Ironie. Er selbst will ja auch Kunstwerke schaffen, die gut sind und wahr. Immer wieder werden Konzert- und Filmausschnitte eingespielt, die eine Rolle spielen im Leben des frankophilen Künstlers, der kein 68er geworden ist, weil er einen Groll gegen Gewalt hatte, aber dafür bekennender Feminist ist. Der Soundtrack dazu heißt „Annabelle“.

Die Kostproben aus dem neuen Album sind nur kurz angespielt. Es geht um einen Nussbaum, um den wilden Garten, um die Kinder. In der Dokumentation geht es auch um die eigene Kindheit, wie er mit dem französischen Freund Etienne den „Krieg der Knöpfe“ nachgespielt hat, wie die Eltern der beiden sich geschworen haben, mithilfe ihrer eigenen Kinder nach dem Ende des Krieges mit dafür zu sorgen, dass der Hass zwischen beiden Nationen beendet wird. „Ich habe nie Ressentiments erfahren“, sagt der Liedermacher, der in Frankreich als Frédéric Mey berühmt ist. Er sei eigentlich ziemlich chaotisch, deshalb erlegt er sich immer strenge Zeitpläne auf für die einzelnen Phasen: erleben, schreiben, singen. Vor dem Singen steht das Lampenfieber, und das wird nach seiner Erfahrung im Alter immer größer. Im Fernsehen merkt man gar nichts davon. Und auch auf der Bühne kommt hoffentlich ganz schnell der Moment, wo er wieder merkt: „Du kannst fliegen, ja, du kannst ...“ Elisabeth Binder

„Über den Wolken – Oder wie Reinhard Mey zum Fliegen kam“, Arte, Sonntag, 11 Uhr 45

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