TV-Produktionen : Hauptsache, Berliner

Dschungelcamp, Gutshaus, Singleshow, Talk: Warum die Hauptstädter so gerne ins Fernsehen kommen

Bernd Matthies

Die Berliner sind im Grunde ihres Herzens bescheidene Leute. Sie ertragen es klaglos, dass irgendwelche hergelaufenen Schauspieler auf dem Bildschirm immer wieder stümperhaft ihren Akzent nachahmen, und es stört sie nicht, wenn der Hauptdarsteller eines Films aus einem Treppenhaus in Prenzlauer Berg direkt in den Schlachtensee stolpert. Das, so wissen sie, war prinzipiell früher nicht anders, als noch alle deutschen Fernsehleichen in Münchener Millionärsvillen herumlagen und dunkle Geschäfte ganz überwiegend am Rand der Außenalster abgewickelt wurden. Historie, das alles. Wer heute ein hübsches Berliner Gründerzeithaus mit ein paar Bäumen davor besitzt, muss auf die Filmteams nicht lange warten, und Gewerberäume, in die der Set-Designer flink ein aufgedonnertes französisches Restaurant hineinfälschen kann, sind gleichermaßen begehrt. Die Folge: Beim abendlichen Zappen hat der Zuschauer oft den Eindruck, auf mehreren Sendern denselben Film zu sehen.

Die Berliner, wie gesagt, tragen das mit Fassung – und Pragmatismus. Wenn das sowieso alles schon bei uns produziert wird, sagen sie bescheiden, dann können wir ja auch gleich mitmachen, nicht wahr? Ja, und so gerieten die Berliner in einem geradezu ungeheuren Maß ins Fernsehen, und das in Schlüsselpositionen. Manfred Krug als „Liebling Kreuzberg“ und die Doktoren der „Praxis Bülowbogen“ sind oder waren Säulen des Programms; in der zurückliegenden Woche hat die „Bachelorette“, eine 27-jährige Kroato-Slowenin mit Wohnsitz Berlin, ihr Debüt gegeben. Zugegeben: Sie wohnt erst seit Mai in der Stadt, aber da sind wir nicht so streng und geben uns mit dem Bekenntnis an sich zufrieden.

Sarah Wiener ist schon ein Stück weiter. Die Köchin, die in der ARD-Serie „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ als Spülstein-Domina Dienst tut, ist zwar Wienerin von Geburt, aber schon so lange in Berlin, dass sie als Eingeborene durchgeht. Und die Familie, der sie auf dem Gutshof zu Diensten ist - die kommt komplett aus Berlin, Vatermutterkinderhund. Beim Casting hatten Außerberliner vermutlich keine Chance, denn auch die Belegschaft des Schwarzwaldhofs, auf dem das Plumpsklo-Kohleofen-Prinzip erstmals erfolgreich getestet wurde, stammte aus der Hauptstadt.

Dies sind die Prototypen der Berliner Kleindarsteller:

Der Berlinernde . Zwar spielt der Berliner Dialekt im Leben selbst kaum noch eine Rolle, aber das weiß ja in Sindelfingen keiner. Wer berlinert, gilt als intellektuell fragwürdig, aber emotionell belastbar. In der Krankenpflege steht er für den Sympathieträger schlechthin, als Taxifahrer verkörpert er das Prinzip des alltäglich Bösen. Geht es um notorisch schillernde Figuren, z.B.Pfarrer, hat der Berlinernde keine Chance, bei Günter Jauch kommt er selten über 500 Euro hinaus.

Die Nervensäge . Früher als Exportartikel in eigener Sache erfolgreich und in Serien wie „Hallervordens Spott-Light“ epidemisch, schleichen sich Berliner Nervensägen dank ihrer enormen Anpassungsfähigkeit nun in berlinferne Formate wie das „Dschungelcamp“ ein, tragen sogar den Sieg davon wie Desirée Nick. Merkmale der Nervensäge: Große Klappe, Grundimmunisierung gegen Stiche, Sticheleien aller Art. Kann selbst Krokodile so aggressiv zutexten, dass die wie von selbst die Schnauze halten

Der Profi. Auch in Frauengestalt immer beliebter. Wer, wie Sarah Wiener, ausgerechnet in Berlin mit selbst gemachten Restaurants erfolgreich ist, dem traut man auch die Versorgung einer ganzen Familie unter indiskutablen technischen Bedingungen sowie telegen groben Umgang mit den anderen Domestiken zu. Und wer wie die „Bachelorette“ ein halbes Jahr in der Stadt ohne sichtbare Gramfalten übersteht, der wird auch mit 25 säftelnden Heiratskandidaten fertig.

Die Familie . Die harten Bedingungen des Berliner Familienlebens, das typischerweise in einer zu kleinen Mietwohnung stattfindet, produzieren entweder unvorstellbar harmonische Generationsbündnisse oder keifende Chaotenhaufen. Beides wird, je nach Charakter der Sendung, von den Zuständigen gern genommen.

Der Wowereit . Es gibt ihn nur einmal, und sein Starruhm ist spätestens seit seinem Auftritt in der Serie „Zimmer frei“ zementiert. Wer sich vor der Kamera mit einem wetterfesten Entertainer wie Götz Alsmann auf dem Boden rollt, der ist für jede höhere Fernsehaufgabe geeignet, Intendant, ARD-Vorsitzender, Boss von RTL2. Ja, sogar Talkshow-Gastgeber könnte er, müsste er werden, wenn er die Sache mit der Bürgermeisterei irgendwann einmal satt hat. Im Duo mit Gregor Gysi? Hauptsache, Berliner.

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