TV-Resonanz : Kein Quoten-Pfälzer

Das Kohl-Porträt im ZDF kann die Massen nicht mobilisieren, erntet bei Kennern aber Zustimmung. Einige wollen einen zweiten Teil.

Anna Sauerbrey,Joachim Huber
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Der Einheit entgegen. Erick Desmarestz als französischer Präsident François Mitterrand (links) und Thomas Thieme in der Rolle von...Foto: ZDF

Helmut Kohl scheint bereits eine historische, ja entrückte Größe zu sein. Oder aber, der „Kanzler der Einheit“ ist noch derart präsent, dass viele über diesen Politiker all das zu wissen glauben, was sie wissen wollen. Das ZDF konnte mit seinem Film „Der Mann aus der Pfalz“ nicht die große Quote erreichen. 2,80 Millionen schalteten am Dienstagabend ein, das bedeutet im Gesamtpublikum einen Marktanteil von 8,7 Prozent. Der aktuelle ZDF-Schnitt ist bei 12,3 Prozent. Auch wenn mehr ältere Zuschauer die filmische Annäherung von Thomas Schadt gesehen haben, liegen die 6,4 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen im Senderschnitt. Der große Rest vom Fernsehvolk gab sich den Serien in ARD und RTL hin.

Unter denen, die sich mit Helmut Kohl näher beschäftigen oder ihn kennen, hat der Film ein geteiltes Echo hervorgerufen. Die CDU hat die Produktion als „ein Lehrstück gelungener zeithistorischer und politischer Bildung“ gelobt. Das ZDF habe damit „Fairness und politisches Fingerspitzengefühl bewiesen“, meinte der kultur- und medienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Wolfgang Börnsen.

Aus professionellem Interesse eingeschaltet hatte auch Wolfram Bickerich. Gemeinsam mit Hans-Joachim Noack arbeitet Bickerich an einer Kohl-Biografie, die im Januar zu dessen 80. Geburtstag erscheinen soll. Beide Autoren sind ehemalige Politik-Chefs des „Spiegels“. Bickerich war nicht in allen Punkten mit der Sichtweise der Macher einverstanden. Der Film sei „völlig unvollständig“ gewesen. Bickerich bemängelte die enge Eingrenzung des Filmgeschehens auf das Zeitfenster bis 1989/90, aber auch die Einengung auf wenige politische Themen. Kohls Engagement für ein geeintes Europa etwa sei nicht ausreichend deutlich geworden. Der Film schreie regelrecht nach einem zweiten Teil. Gut getroffen sei allerdings Kohls Umfeld: „Er selber arbeitete wie ein Pferd und die anderen sollten es auch tun“. Der SPD-Politiker Walter Momper hingegen fand die Persönlichkeit des Altkanzlers insgesamt sehr gut getroffen. „So schätze auch ich ihn ein“, sagte der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin. Dass Kohl keineswegs der bräsige Pfälzer war, als den viele ihn darstellen, sondern ein sehr reflektierter Mensch, sei gut herausgearbeitet worden. Nur die eine oder andere historische Unstimmigkeit bemängelt der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses: „Dass nach der Rede in Berlin am 10. November mit Eiern und Tomaten geworfen wurde, ist Quatsch.“ Eberhard Diepgen (CDU), Vorgänger und Nachfolger Mompers, hat den Film nicht gesehen, Rudolf Seiters, 1989 Chef des Bundeskanzleramtes, in das Porträt nur kurz reingeschaut.

Gerd Langguth, Professor an der Universität Bonn, hat zum Wahljahr ein Buch über die „Machtmenschen“ Kohl, Schröder und Merkel veröffentlicht und sieht durch den Film seine These zu Kohl bestätigt. „Es kam gut heraus, dass Kohl sehr früh ein Gespür für Macht entwickelte.“

Einig sind sich die beiden Biografen Langguth und Bickerich mit Kohls Sohn Walter, der sich bereits im Vorfeld zu Wort gemeldet und die Darstellung von Hannelore Kohl infrage gestellt hatte. „Von Hannelore Kohl blieb ein seltsam diffuser Eindruck zurück“, meinte Bickerich. Ihre Rolle als (politische) Weggefährtin sei kaum deutlich geworden. Nach Einschätzung von Langguth habe Hannelore Kohl ihren Mann, anders als im Film dargestellt, darin bestärkt, erster gesamtdeutscher Kanzler zu werden.

Zahlreiche Gegner Kohls, die ja eigentlich im klassischen ZDF-Alter sind, haben den Film allerdings gar nicht gesehen. Heiner Geißler, von Kohl 1989 als CDU-Generalsekretär geschasst, ist erkrankt, Rita Süssmuth, in jenem Jahr Bundestagspräsidentin, hat nicht eingeschaltet und der Bündnisgrüne Christian Ströbele war am Dienstag selbst im Fernsehen. Auch so lässt sich die mäßige Quote erklären.

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