TV-Serie : Hospital der guten Geister

Auf der Fieberkurve der Gefühle: Die Krankenhausserie "In aller Freundschaft“ wird zehn Jahre alt. Die zentralen Rollen wurden mit ostdeutschen TV-Größen besetzt.

Katrin Hillgruber
In aller Freundschaft
Zum Jubiläum zieht die Serie alle Register. -Foto: MDR

Zwei eierschalenfarbene Dreisitzer, in der Vitrine ein Service mit Weinblattdekor, im Regal Chinoiserien, außerdem die mutmaßlichen medizinischen Standardwerke „Praktische Pneumologie“ und „Das Ölschieferskelett“: So sieht das Wohnzimmer von Oberarzt Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann) und seiner Frau Pia (Hendrikje Fitz) aus, in das jeden Dienstagabend bis zu sechs Millionen Zuschauer Einblick nehmen. Dieser Dienstag ist für „In aller Freundschaft“ ein ganz besonderer Tag, schließlich läuft die Serie nun seit zehn Jahren.

Unterdessen empört sich Heilmann-Enkel Jonas (Anthony Petrifke) im benachbarten Esszimmer: „Bastian hat gesagt, dass seine Mutter die allerwichtigste Frau in der Klinik ist!“ Diese Frechheit kann nur mit fliegender Konfitüre gekontert werden. Geduldig lässt sich Johann Lukas Sickert, der Filmsohn Bastian der Verwaltungschefin Sarah Marquardt, von der Maskenbildnerin immer wieder einen Klecks roter Marmelade auf der Wange applizieren, bis Regisseurin Bettina Braun das erlösende „Danke!“ spricht und die Klappe fällt. Es ist ihr erster Drehtag in den Studios der Leipziger Media City. Ein bis zu sechzigköpfiges Team wird in den nächsten drei Wochen auf das Kommando der Münchnerin hören, die unter anderem bei den „Rosenheim Cops“ Erfahrungen sammelte.

Drei Folgen werden in einem Block von drei Wochen gedreht, das sind am Tag bis zu elf Sendeminuten. Bisher wurden in der Sachsenklinik 639 Operationen durchgeführt und 925 teils höchst exotische Krankheitsbilder behandelt, wie die Papageienkrankheit in Folge 300 oder kürzlich das Schmidt-Syndrom, das sich in exzessivem Salzkonsum und Stimmungsschwankungen äußert. 13 Regisseure setzten in den letzten zehn Jahren um, was sich 67 Autoren ausdachten. Das Team habe sich bei der Regie wieder eine weibliche Handschrift gewünscht, erklärt Bettina Braun, bevor sie zu ihrer ersten OP-Szene eilt.

Jutta Kammann, als Oberschwester Ingrid Rischke von Anfang an dabei, lässt sich in ihrer Garderobe im ersten Stock der „Klinik“ schnell noch eine Wärmflasche reichen – es ist ungewiss, wie lange sie auf dem Tisch unter den grünen Tüchern ausharren muss. Der sentimentalische Imperativ dieser Serie verlangt es, dass sie ausgerechnet von ihrem Lebensgefährten Gernot Simoni operiert wird; das Paar gerät emotional an seine Grenzen. Das französische Kunstblut hat im Scheinwerferlicht einen leichten Lilastich und will nicht so recht durch die Kanüle fließen. Die Anästhesistin Kathrin Globisch spricht am Kopfende beruhigend auf die Patientin ein. Andrea Kathrin Loewig, strahlend aus der Babypause zurück, bildet mit Roland Heilmann und dem Sonnyboy Dr. Martin Stein (Bernhard Bettermann) das titelgebende Freundestrio.

Gerade noch wurden sie von einer nicht enden wollenden Schlange von Autogrammjägern belagert, nun warnt Unfallchirurg Dr. Udo Thrandorf als medizinischer Fachberater: „Das wird ganz schön blutig jetzt!“ Als das mühsam herausoperierte Plastikteil im Eifer des Gefechts zerbricht, machen Professor Simoni und sein im Eheunglück befangener Assistent Dr. Philipp Brentano (Thomas Koch) erst einmal auf Gartenstühlen Pause. „Den Professor kann man nicht selber spielen, den spielen die anderen“, erklärt Dieter Bellmann, eine „Legende“ des Leipziger Schauspielhauses, seine natürliche Autorität. Vor allem seine Samtstimme wirkt als Sedativum und macht ihn, mit einem Hauch von Ironie, zu einem Sauerbruch oder Dr. med. Hiob Praetorius unserer Tage.

„Das Königliche Reichskrankenhaus steht auf uraltem Sumpfland. Es versammelte die klügsten Köpfe des Landes mit ihrer hochmodernen Technologie. Von nun an sollte gerechnet und gezählt werden, auf dass nie mehr Aberglauben und Unwissenheit die Bastion der Wissenschaften erschütterten.“ So lautet der feierliche Prolog zu der – abgesehen vom tschechischen „Krankenhaus am Rande der Stadt“ – wohl besten, künstlerisch anspruchsvollsten Weißkittelserie des europäischen Fernsehens: Lars von Triers „Hospital der Geister“ („The Kingdom“), gedreht mit Braunfilter im Dogma-Stil. Da die dänischen Doktoren die Geister von ihrem ureigensten Territorium verbannt haben, nehmen diese immer perfidere Rache. Ähnliches Unheil scheint der Sachsenklinik zu ihrem Jubiläum zu drohen, das heute Abend mit einer Doppelfolge begangen wird.

Als der sympathisch ungelenke Krankenpfleger Hans-Peter Brenner (Michael Trischan) ein Schild mit der Aufschrift „500 Jahre Sachsenklinik“ am Eingang aufhängen will, geht Sarah Marquardt (Alexa Maria Surholt) forsch unter der Leiter durch: Das bringt bekanntlich Unglück. Kurze Zeit später verliert der Fahrer eines städtischen Linienbusses das Bewusstsein und rast auf eine Haltestelle zu. Dort stehen Pia und Jonas Heilmann, das Unheil nimmt seinen Lauf. Gaststar der Folgen 409/410 in der Regie von Frank Gotthardy ist Marianne Sägebrecht. Damit tritt sie in die Fußstapfen so populärer Kollegen wie Johannes Heesters, Brigitte Mira oder Pierre Brice.

Dass dem Ortsgeist je die Huldigung verweigert würde, ist bei „In aller Freundschaft“ ausgeschlossen. Programmatisch hieß die erste Folge vom 26. Oktober 1998 „In Leipzig“. Wie „Medizin nach Noten“, eine Gymnastiksendung des DDR-Fernsehens, strahlt die MDR-Serie appellative Fröhlichkeit aus. Sie habe den Sender zum „König des Dienstagabends“ gekrönt, sagt der Programmgeschäftsführer der produzierenden Saxonia Media, Hans-Werner Honert, bei einer Feierstunde im Rathaus.

Zentrale Rollen sind mit ostdeutschen Publikumslieblingen wie Ursula Karusseit als beherzter Kantinenpächterin Charlotte besetzt oder Uta Schorn als Simonis patenter Chefsekretärin Barbara Grigoleit. Vor zwanzig Jahren verkörperte sie die Notärztin in der Güstrower Arztserie „Bereitschaft Dr. Federau“. Nur einer fehlt an diesem Drehtag schmerzlich: Udo Schenk. Auch er erfuhr in der DDR seine schauspielerische Prägung („Dach überm Kopf“), bis er 1985 nach West-Berlin übersiedelte. Als urologischer Belegarzt Dr. Rolf Kaminski schafft Schenk mit seinem unbestechlichen Anamnese-Blick aus stahlblauen Augen den sarkastischen Ausgleich zu den chronischen Gefühlsüberschwängen. Auf dieses Antidot sollte die Sachsenklinik weiterhin zählen.

„In aller Freundschaft“; 20 Uhr 15, ARD

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