TV-Serien auf DVD : Zum Sattsehen

Eine Woche ist eine Ewigkeit, wenn auf die nächste Folge der Lieblingsserie im TV gewartet werden muss. Gut, dass es DVDs gegen die Häppchen-Portionen gibt.

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Wenn auf die nächste Folge der Lieblingsserie gewartet werden muss, kann sich eine Woche wie eine Ewigkeit anfühlen. Wer das nicht aushält, kauft sich die komplette Staffel als DVD-Box und schaut sie in einem Rutsch an – von Häppchen ist schließlich noch nie jemand satt geworden. Nachdem wir am vergangenen Montag die Serien „Mad Men“, „The Wire“ und „Catweazle“ vorgestellt haben, folgt heute der zweite Teil mit Empfehlungen.

„30 Rock“

Tina Fey war eine der besten Wahlkampfhelferinnen von Barack Obama. Mit ihren Sarah-Palin-Parodien stellte sie die Unzulänglichkeiten der republikanischen Vize- Präsidentschaftskandidatin bloß und brachte Millionen von „Saturday Night Live“-Zuschauern zum Lachen. Eigentlich hatte Fey die Show damals verlassen, um sich auf ihre Serie „30 Rock“ zu konzentrieren. Das Comeback war dann eine gute Werbung für die Soap, bei der sie auf ihre Erfahrungen bei „Saturday Night Live“ zurückgreift: Fey spielt Liz Lemon, Chefautorin einer Comedyserie. Gesendet wird aus dem Hochhaus am Rockefeller Plaza Nr. 30.

In der ersten Staffel bekommt sie mit Jack Donaghy (phänomenal: Alec Baldwin) einen neuen Boss, der den Schauspieler Tracy Jordan als neuen Star an Bord holt und die Sendung auch gleich nach ihm benennt. Zwischen Donaghy und Lemon beginnt eine höchst unterhaltsame Platzhirsche-Beziehung. Denn sie sind sich vor allem in Sachen Konkurrenz- und Karrierebewusstsein sehr ähnlich.

Der TV-Show-Alltag ist nur der Hintergrund für Verwicklungen und Dialogfeuerwerke. Eine Stärke von „30 Rock“ sind Figuren wie der Page Kenneth, ein ehrlicher Fernsehfan, aus dessen Naivität Fey & Co. immer wieder Witzfunken schlagen. Auch Gender- und Rassenthemen werden eingebaut. Lemon selbst wird aufgrund ihrer Toughness mitunter die Weiblichkeit abgesprochen.

In der dritten Staffel häufen sich Promiauftritte. Ein echter Coup ist die letzte Folge, in der Jack Donaghy eine Spenderniere für seinen Vater sucht. Ein Benefizsong muss her. Und so singen Elvis Costello, Sheryl Crow, Cindy Lauper und andere das Stück „He Needs A Kidney“. Das ist so schön bescheuert, dass man sofort noch mal einen Organspendeausweis ausfüllen möchte. Nadine Lange

„30 Rock“. Staffeln I (gesehen für 12,97 Euro) bis Staffel IV (23,99 Euro)

„Praxis Bülowbogen“

Natürlich gibt es bessere Serien. Aber ein bisschen Heimatkunde hat noch keinem geschadet, und so sitzt man dann da mit der DVD-Box der ersten Staffel von „Praxis Bülowbogen“ von 1987 und ist schon vom skurrilen Vorspann völlig geplättet: Zur elegischen und aufgrund liebloser Digitalisierung erkennbar eiernden Musik sieht man rasant montierte Milieuszenen: Türken, Deutsche, Prostituierte, Luden, eine Markthändlerin mit riesigen Brüsten löst Bananen von einer Staude. Toll!

Die Serie ist nicht minder unterhaltsam: In ungebrochener Halbgöttlichkeit heilt Günther Pfitzmann alias Dr. Peter Brockmann den Kiez und seine Bewohner von fast allen Leiden. Seine Schwäche sind dabei, die (deutlich jüngeren) Frauen (Heidi Brühl, Anita Kupsch u.a.). Seine Sorge gilt der Pharmafirma Maerker, an der Brockmann durch Heirat einer verschollenen Frau beteiligt ist und die sein fieser Schwager Saalbach (glaubwürdig: Dieter Thomas Heck) mit Risikogeschäften zu versenken droht. Die mondäne Existenz der Maerkers auf Schwanenwerder ist es auch, die die Serie davor bewahrt, nur im dreckigen Bülowkiez spielen zu müssen.

Qualität und Tempo der Folgen eiern so wie der Vorspann: Mal passiert über knapp 50 Minuten fast nichts, mal verunglücken innerhalb einer Folge das Elternpaar einer Patientin, erleidet der Freund der Nichte einen diabetischen Schock und verschwindet das Kind der Schwägerin im nächtlichen Wannsee.

Am Ende der Staffel weiß man zwar nicht, wie der Schöneberger Norden in den 80ern tatsächlich war. Aber wie sich Fernsehmacher in den 80ern vorgestellt haben, wie man den Schöneberger Norden ans Vorabendpublikum bringen kann, davon zeigt „Praxis Bülowbogen“ eine ganze Menge. Und das ist allemal interessant. Johannes Schneider

„Praxis Bülowbogen“. Staffel I (gesehen für 12,43 Euro) bis Staffel VI (39,65 Euro)

„Six Feet Under“

Wenn die guten TV-Serien so etwas wie die großen epischen Romane unserer Zeit sind, dann wäre es interessant zu wissen, was Tolstoi zu „Six Feet Under – Gestorben wird immer“ gesagt hätte, jener Familiensaga um die in Los Angeles lebende Bestatterfamilie Fisher, ausgehend vom Unfalltod des Bestattungsunternehmers Nathaniel Fisher am Heiligen Abend. Die „Firma“ wird danach von den ungleichen Brüdern Nate und David weitergeführt, später kommt Einbalsamierer Rico dazu.

Jede Folge beginnt mit einem Todesfall, der als Türöffner zur Fortsetzung der Familiengeschichte dient. Es wird über 63 Geschichten ein großer Bogen geschlagen, um Witwe Ruth Fisher, die adoleszente, kunstliebende Schwester Claire, Davids Freund, den schwulen, farbigen Cop Keith, um Nates Freundin Brenda, deren manisch-depressiven Bruder Billy und und und. Stets mit dem Fokus auf die Frage: Wie geht das eigentlich – Miteinanderleben? Fünf Staffeln, eine besser als die andere, mit Ausnahme vielleicht von Staffel Drei, bei der dem Autorenteam um „SFU“-Erfinder Alan Ball („American Beauty“) ein wenig die Luft ausging. „Six Feet Under“ erhielt sieben Emmys und drei Golden Globes. Vox strahlte die Serie Mitte der 2000er Jahre in großen Zeitabständen aus, zu später Stunde, mit Werbung durchsetzt. Ein Wiedersehen auf DVD verschafft das ungetrübte Originalvergnügen. Das Bonusmaterial der fünf DVD-Boxen ist überschaubar. Making-ofs, Einblicke ins Leichenbalsamieren, Interviews – wie sich die Schauspieler ihre Figuren über einen so langen Zeitraum angeeignet haben. Wer hier nach der letzten, der 63. Folge nicht Tränen in den Augen hat, dem ist auch nicht zu helfen. Markus Ehrenberg

„Six Feet Under“, Staffeln I bis V (jeweils 11,90 Euro)

„Breaking Bad“

Gegen „Breaking Bad“ sprach anfangs alles. Der Held: ein krebskranker Chemielehrer von 50 Jahren. Der nur aus Kostengründen gewählte Schauplatz: Albuquerque, New Mexico. Und die schlichte Grundidee, einen Persönlichkeitswandel einmal nicht zum Positiven, sondern zum Negativen hin zu untersuchen: Trauriger Bürger versucht, seiner Familie etwas zu hinterlassen, und betätigt sich deshalb als Drogenkoch. Aber was hat Vince Gilligan daraus gemacht: das atmosphärisch dichteste, in Tempo und Ton differenzierteste, steigerungsfähigste, genrefernste und erzählökonomisch bezwingendste Epos seit den „Sopranos“. Die Schwärze von Tarantino trifft auf das Existenzielle von Dostojewski und das Absurde der Coen-Brüder – wobei die brutale Komik von „Breaking Bad“ stets den ganzen lächerlichen Ernst der Lage im Blick hat.

Der Figurenkosmos ist überschaubar, die Varianten jedoch wirken unendlich. Kein Detail rund um Walter White (Bryan Cranston) und seine Geschäfte mit der mexikanischen Drogenmafia, das nicht noch Bedeutung erlangen würde. Keine Unschuld, die nicht geschleift würde. Keine Wendung zum Schlimmeren, die Walters Kompagnon Jesse, Ehefrau Skyler oder Schwippschwager Hank, einen Drogenpolizisten, nicht erwarten würde. Und einmal, eine ganze Folge lang, ist es das Allerschrecklichste, dass durch Walters Crysatl-Meth-Labor eine eigensinnige Fliege tobt. Das hat Beckett’sche Größe.

Drei Staffeln von „Breaking Bad“ gibt es auf DVD. Eine vierte, in den USA bereits ausgestrahlte, ist in Vorbereitung. Eine fünfte, nach der unwiderruflich Schluss sein soll, wird gedreht. Was daran am wenigsten auszuhalten ist, das Übermaß des Bekannten, das Warten auf Weiteres oder der bevorstehende Abschied, das ist eine Frage, die man nicht oft im Leben beantworten muss. Gregor Dotzauer

„Breaking Bad“. Staffel I (gesehen für 16,97 Euro) bis Staffel III (38,99 Euro)

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