TV-Serien : „Ist die Bergpredigt auch Kitsch?“

450 Mal „In aller Freundschaft“: Produzent Hans-Werner Honert über Deutschlands erfolgreichste Arztserie.

304531_0_b08f7450.jpg
Alles wird gut, auch wenn Professor Simoni (Dieter Bellmann) in der heutigen Folge um seine Ingrid (Jutta Kammann) bangen muss....MDR/HA Kommunikation

Herr Honert, Sie sind der Mann hinter Deutschlands erfolgreichster Arztserie „In aller Freundschaft“. Verraten Sie uns das Geheimnis?



Das Geheimnis heißt Teamarbeit. Kollegen des MDR, der Bavaria und der Saxonia trafen sich 1997 in Husum und erfanden ein Mischgenre aus Familien- und Arztserie. Unsere Helden sind von Beruf Arzt und leben als Alltagsmenschen nach Feierabend weiter. Keine Götter in Weiß. Der Zuschauer kennt die Tücken des Alltags und findet sich bei uns wieder. Den Bau der Geschichten haben wir uns beim alten Aristoteles abgeguckt: Charaktere kommen in einen Konflikt, und die Lösung des selbigen ist unsere Handlung. Alles eingebettet in Anfang, Mitte und Schluss. Simpel, oder?

Beneidenswert. Gar kein besonderer Kniff?

Und wir sind nicht dem Jugendwahn gefolgt, der in den Neunzigern Mode war. Bei uns durften Dramaturgen und Regisseure zwischen 50 und 60 sein. Einen wichtigen Punkt sollten wir nicht vergessen: Es hat sich ein Ensemble zusammengefunden, dem man gern zuschaut.

Trotzdem ging die Quote runter, bei Staffel elf unter die durchschnittlich sechs Millionen Zuschauer.

Wir haben Fehler gemacht. Der Zuschauer ist unerbittlich. Schließlich bezahlt er uns. Wir wollten zu viel des Guten. In einer Folge haben wir gleich vier Geschichten erzählt. Von Ärzten, die ihren Alltag genau kennen, haben wir uns zu wenig beraten lassen. Das war dumm. Wir legten eine Pause von fünf Wochen ein, schnitten und schrieben um. Es gab nur noch zwei Erzählstränge, und an unserer Seite stehen seitdem erfahrene Ärzte und Schwestern.

Haben Sie auch inhaltlich etwas geändert?

Die ersten Geschichten waren eher überall und nirgends angesiedelt. Es fehlte ein gewisses Quantum Realität, das zur Authentizität der Serie beiträgt

Was verstehen Sie unter Realität?

Das, was wir in unserer schönen deutschen Heimat jeden Tag erleben. Das ist das Material, aus dem wir unsere Geschichten bauen.

Wie weit planen sie im Voraus?

Ein Jahr, das heißt über vierzig Folgen. Für die neue Staffel, die im September in Produktion ging, begannen die Planung schon Anfang des Jahres. Der erste Schritt ist die Konzipierung der Handlungsbögen unserer Figuren über ein Jahr. Welches Familienglück und -leid erlebt Chefarzt Heilmann? Welche beruflichen Niederlagen muss er erleiden, welche Höhepunkte darf er feiern? Dieses Auf und Ab aller Figuren ist die Grundlage für die Geschichten. Dann wird festgelegt, welche Patienten mit welchen Leiden bei uns kuriert werden. Die Nagelprobe ist die Gesprächsrunde mit Jana Brandt, der Programmchefin des MDR. Sie muss entscheiden, ob sie sehen will, was sich das Team ausgedacht hat.

Manche nennen das, was Sie machen, Kitsch. Was sagt der Alt-Marxist in Ihnen dazu?

Wenn unsere Banker gründlicher das „Kapital“ vom alten Marx gelesen hätten, säßen wir jetzt nicht in der Scheiße. Ein Großteil ist aber leider nur habgierig und interessiert sich mehr für das eigene Bankkonto. Aber eine Frage an Sie: Was verstehen Sie unter Kitsch?

Ihre Ärzte können alles. Alle Patienten werden geheilt. Letztendlich haben sich alle lieb.

Da ist was dran. Wenn Sie das unter Kitsch verstehen, streite ich Ihre Behauptung nicht ab. Aber träumen Sie nicht manchmal davon, dass es so sein könnte? Wir bedienen ein Genre. Und wenn man ein Genre bedient, muss man sich an die Gesetze des Genres halten. Sonst scheitert man gnadenlos. Wenn ich eine Kantate schreiben will, muss ich mich an die Regeln, die für eine Kantate gelten, halten. Oder gar nicht erst anfangen.

Und das eiserne Gesetz des Genres Arztserie besagt: Alles wird spätestens am Ende immer gut?

„Beim Happy End wird abgeblendet.“ Den Satz kennen Sie bestimmt. Eine Weisheit aus alten Kintopzeiten, die auch für eine Serie wie unsere gilt. Wir wollen unserem Zuschauer jeden Dienstag ein Geschenk machen. Ein Bekannter ist Ordinarius hier an der Uniklinik, der ist ein treuer IAF-Zuschauer. Ich habe ihn gefragt: Warum? Seine Antwort: Wie viel Zeit eure Ärzte sich für die Patienten nehmen, das Klima, das in eurer Klinik herrscht, das alles sind Dinge, die ich mir in meiner Klinik wünsche. Unsere Reinemachefrau sagt: In Ihre Klinik würde ich gerne gehen, wenn ich mal krank bin.

Sie wollen sagen: Das Publikum fordert Ihren Kitsch?

Wir bedienen eine Erwartungshaltung, ja. Wenn wir zeigen würden, wie es wirklich in einem Krankenhaus zugeht, dann wären wir in zwei Wochen auf Quote null. Das will keiner sehen.

Sie sind das Sandmännchen für Erwachsene.

Existenzangst, Neid, Habgier, Einsamkeit, Hass ... ich könnte die Reihe von negativen Erlebnissen fortsetzen, die unsere Zuschauer tagein und tagaus erleben. Das erleben sie auch bei uns, nur, unsere Figuren lassen sich davon nicht beherrschen. Ja, ein Sonnenaufgang ist schön, ja, er ist Kitsch wie ein wunderschönes Abendrot. Würden Sie auch sagen, die Bergpredigt ist Kitsch? Weil keiner so dumm ist, die andere Wange hinzuhalten, wenn er schon eine Ohrfeige bekommen hat? Es gibt viele Menschen, die daran glauben, dass der andere ein Mensch ist, so wertvoll wie er selbst. Warum sollten wir mit unserem Kitsch nicht Mut machen? Der Sandmann ist ein erfolgreiches Programm, das schon länger läuft als „In aller Freundschaft“. Danke fürs Kompliment.

Was kann Ihren Erfolg zu Fall bringen?

Unsere Figuren haben sich das Vertrauen unserer Zuschauer erarbeitet. Sie sind ihre Bekannten geworden. Es ist wie früher im Treppenhaus, man traf sich und beredete die Sorgen und lachte zusammen. Wenn unsere Figuren dem Zuschauer fremd werden, wenn wir die Bodenhaftung verlieren, dann wird unsere Serie Geschichte sein.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

„In aller Freundschaft“, 21 Uhr 05, ARD

Hans-Werner Honert ist Geschäftsführer und Produzent der Saxonia Media Filmproduktion. Die Firma dreht in Leipzig die Serie „In aller Freundschaft“, die in der zwölften Staffel läuft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben