Medien : TV-Soaps: Ally oder Carrie

Christiane Peitz

Lebenshilfe, sagt mein Kollege aus der Medienredaktion. Und hält mich für die ideale Kandidatin: berufstätige Frau, neurotisch, über 30, Single. Woher weiß der Mann das alles plötzlich? Und wie kommt er auf die Idee, ich würde mir "Ally McBeal" oder "Sex and the City" anschauen, weil ich mir davon Lebenshilfe erhoffe?

Liebe Männer: Berufstätige, neurotische Single-Frauen gucken sich Soaps ausschließlich zum Vergnügen an, genau wie der Rest der Menschheit. Es geht uns nämlich gut, nur die Unterhaltung kommt gelegentlich zu kurz - was wir ebenfalls mit unseren liierten Artgenossinnen gemeinsam haben. Nur der Selbstwertgefühl-Faktor solcher Serien ist bei uns Single-Frauen deutlich höher. Oder kennen Sie eine erfolgreiche TV-Soap über gestresste Mütter oder erfolgreiche dritte Ehen? Nein, nur wir haben das Zeug zu Heldinnen: Serien über weibliche Singles sind einfach unschlagbar.

Um es gleich zu sagen: "Sex and the City" ist ein Märchen. Zu wessen Freundeskreis zählen schon Werbe-Bosse oder Börsenmillionäre? Auch Journalistinnen, die wie Carrie, die Heldin von "Sex and the City", mit einer einzigen Kolumne ihren anspruchsvollen Lebensunterhalt betreiben, sind mir unbekannt. Und was habe ich mit Frauen gemeinsam, die aussehen wie Models, aber trotzdem über ihre hässliche Nase klagen? Das ist eher ein Problem für meine 21-jährige Tochter.

Dennoch lohnt sich der Vergleich beider Serien. Carrie raucht wie ein Schlot, Ally nicht. Realitätspunkt für "Sex and the City". In beiden Serien ist die Geschwindigkeit, mit der die Liebe vergeht, genau so hoch wie die der Reden, die über sie geschwungen werden: Unentschieden. Allerdings sind Allys Sprüche - "ich brauche keinen Mann, aber ich will einen" - entschieden verwertbarer als bei der Konkurrenz auf Pro 7: "Schönheit ist so ungerecht wie die mietpreisgebundene Wohnung am Central Park". Überhaupt: Allys wöchentliche Anleitung zum Unglücklichsein ist unwiderstehlich, "Sex and the City" versammelt dagegen lauter perfekte, ein für allemal desillusionierte Frauen. Auch der Hoffnungs-Punkt geht klar an Ally McBeal.

Sie waren niemals verliebt, sagt Mister Big zu Carrie (Sarah Jessica Parker). Das soll in uns die Hoffnung schüren, dass sich Carrie eines Tages doch noch zum Candle-Light-Dinner einladen lässt. Ally McBeal hat schon tausend romantische Abende hinter sich. Trotzdem nimmt sie die Liebe ernst, während sie in "Sex and the City" nur als Accessoire auf dem Laufsteg der Eitelkeiten taugt. Fazit: Nur Ally ist meine Komplizin. "Sex and the City" sollte ich vielleicht meiner Mutter empfehlen. Aber die ist auch noch nicht alt genug, um der Liebe die kalte Schulter zu zeigen.

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