TV-Sport : Drama, Drama

Bob und Rodel gut: Alle Wintersportarten haben hohe TV-Quoten, alle – bis aufs Eiskunstlaufen

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dpa

Gott, wie rührend, der Papa weint. Tränen kullern über seine gefrorenen Wangen; na ja, zwei Tränchen, aber die sieht man dafür gut, weil die Kamera ganz nahe herangezoomt hat. Der Papa war selber mal ein Großer im Ski-Zirkus, sechs Weltcup-Slaloms hat Christian Neureuther gewonnen. Jetzt drückt er Felix an sich, seinen Sohn, weil der den legendären Slalom in Kitzbühel gewonnen hat. Alles zur besten Sendezeit, Sonntagnachmittag Ende Januar, die ARD überträgt „Wintersport live“. Und die Tränen des Papas sind bestimmt direkt in die Herzen von einigen der 3,88 Millionen Zuschauer geflossen. Marktanteil des zweiten Durchgangs im Slalom: 21,1 Prozent.

Ingo Steuer hat nicht geweint, er hat unter heruntergezogenen Brauen wild geblickt. Steuer trainiert die Paarlauf-Weltmeister Aljona Sawtschenko/Robin Szolkowy aus Chemnitz, und die wurden gerade bei der Eiskunstlauf-Europameisterschaft in Tallinn von Preisrichtern um Gold betrogen. Sagt Steuer Mitte Januar sehr laut und sehr deutlich. Drama, Baby, Drama. Marktanteil in der ARD: 0,0 Prozent. Keine Sekunde lang wurde die EM als Wettkampf ausgestrahlt. Nicht live, nicht als Aufzeichnung.

„Eiskunstlauf gilt in der ARD als C-Sportart“, seufzt Daniel Weiss. Er ist der Eiskunstlauf-Experte der ARD, früher lief er selber, ziemlich erfolgreich.

C-Sportart? Was bedeutet das? „Dass nichts mehr live gesendet wird.“

In der ARD nicht, im ZDF auch nicht. Das ZDF schaltet an diesem Wochenende live zum Skispringen. Sonst ist nichts los kurz vor Olympiabeginn. Sonst wären noch Rodler, Bobfahrer oder Eisschnellläufer live auf dem Schirm. Nur Eiskunstläufer nicht. Die gelten im ZDF seit Jahren als Randthema. Die ARD ließ 2009 den Fernsehvertrag mit der Deutschen Eislauf-Union (DEU) auslaufen. Damit ist auch die „ARD-Eisgala“ sanft verblichen.

Das hat viel mit den Zahlen zu tun, die Camille Zubayr vorliest. Zubayr ist Leiter Forschung der ARD, er hat die Rangliste der beliebtesten Wintersportarten in der Saison 2008/2009, aufgestellt nach durchschnittlichen Marktanteilen. Platz eins Biathlon (22,4 Prozent), vor Skispringen (20,1) und Rodeln (17,7). Auf Platz elf (!): Eiskunstlaufen (10,0). „Viel hängt davon ab, wie ein Programm zusammengestellt ist“, sagt Zubayr, „Rodeln allein hätte weniger Marktanteile.“ Die letzte ARD-Eiskunstlauf-Gala kam trotzdem nur auf 9,9 Prozent.

Ausgerechnet Eiskunstlauf, die Traumfabrik der Emotionen. Wer liefert mehr Stoff für Dramen, Tränen, Eifersucht und Eitelkeit? Den Glamour deckte Katarina Witt ab, das Biest die sogenannte Eishexe Tonya Harding, den Betrug die Preisrichter und die Kunst die Eistänzer. Warum also sind biedere Rodlerinnen populärer als Eis-Prinzessinnen?

Weil Eiskunstlauf in Deutschland gerade gegen alle TV-Gesetze verstößt. Zu den Gesetzen gehören deutsche Helden mit Charisma, die Spannung von Wettkämpfen und einfache Regeln. Helden? Die einzigen deutschen Eislauf-Größen zurzeit sind Sawtschenko/Szolkowy. Alle anderen Athleten sind international Durchschnitt. Nur fallen ungefähr seit Aussterben der Dinosaurier Paarlauf-Entscheidungen am Mittwochabend. Wunderbar! Da läuft in der ARD „Hart aber fair“. Plasberg raus? Dafür 150 Minuten Eiskunstlauf-EM mit all den Pausen? „Das ist unübertragbar“, sagt Ralf Scholt, Sportchef des Hessischen Rundfunks. Sein Sender ist in der ARD verantwortlich für Eiskunstlauf.

Gut, Bob und Rodeln mag ja bieder sein, aber zumindest sieht dort jeder sofort, wer gewonnen hat. Beim Biathlon muss man gut treffen und laufen, beim Skispringen weit vorne landen, alles ganz einfach. „Eiskunstlauf“, sagt Scholt, „ist die einzige kompositorische Wintersportart“. Im Klartext: Hier werten allein Preisrichter. Warum sie wie werten, das verstehen nur Fachleute. Und seit es das angeblich gerechtere, aber auch anonyme Wertungssystem gibt, ist alles noch schlimmer. „Das System ist erst mal gerechter, gut eigentlich“, sagt Kommentator Weiss, „aber früher konnte ich einen Preisrichter beschuldigen, dass er unfair gewertet hat. Damit konnte man zu Hause Emotionen erzeugen. Jetzt geht das nicht mehr.“

Vancouver könnte natürlich eine Chance darstellen, Olympia zieht immer. „Wenn das Paar am Abend um Gold liefe, eingebettet in andere attraktive Wettbewerbe, würden acht Millionen zuschauen", sagt Scholt. Sawtschenko/Szolkowy treten dummerweise aber nachts um zwei Uhr auf.

Für Helden steht man auch nachts auf. Aber wegen Sawtschenko/Szolkowy? „Die kennt man kaum“, sagt Weiss. Das Paar will daran auch nicht allzu viel ändern, das nächste Problem. Weiss wollte die beiden im Zentrum von Tallinn filmen, mal weg von diesen sattsam bekannten Motiven Halle und Eisfläche. Abgelehnt. Gottschalk wollte sie für „Wetten, dass...?“ Abgelehnt. Immerhin, der MDR durfte sie ein halbes Jahr lang begleiten. Die Reportage läuft kurz vor Olympiabeginn, aber nur im MDR. „Erfolg allein reicht nicht“, sagt Scholt, „man braucht auch Ausstrahlung.“ Der Zuschauer will sich mit Helden identifizieren. Die Stars im Rodeln, im Bob, im Biathlon, sie alle kennt man durch TV-Portraits. Vieles ist natürlich inszeniert, aber es weckt Sympathien.

Nicht mal schöne Bilder auf dem Eis ziehen. Die Eiskunstlauf-Gala habe nicht funktioniert, weil sie kein klassischer Wettkampf war, sagt Scholt. „Aber wenn man Deutschen etwas verkaufen kann, sind es Wettkämpfe.“ Oder wenn’s schon Show sein muss, dann wenigstens raus aus der gewohnten Umgebung. So wie Biathlon in der Schalke-Arena. Nur so mal als Idee, sagt Scholt: „Wie wäre es mit Schaulaufen vorm Brandenburger Tor?“

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