Medien : TV-Studie: Deutschland, uneinig Fernsehland

Joachim Huber

Was nach zehn Jahren deutscher Einheit feststeht: die Ostdeutschen sehen mehr fern als die Westdeutschen. Die Erwachsenen ab 14 Jahren in den neuen Bundesländern und im Ostteil Berlins schalten täglich 220 Minuten ein, die übrigen Deutschen 192 Minuten. Auch die Vorlieben für einzelne Programme sind spürbar verschieden: Im Osten werden die privaten Sender und die Dritten Programme (dank des überragenden MDR-Fernsehens) wesentlich stärker nachgefragt, ARD und ZDF hingegen um 25 Prozent weniger. Zahlen, wie sie eine aktuelle Studie von IP Deutschland, dem Vermarkter der Fernsehwerbung der RTL-Programme und von Vox, ausweist. Die Studie mit dem Titel "Deutschland - Einig Fernsehland?" wurde am Donnerstag in Berlin präsentiert.

Auf der Basis der festgestellten Nutzungsmuster haben die Forscher Alexandra Dolff, Cornelia Krebs und Thomas Sudholt nach den Gründen für diese Unterschiede gefragt. 20 Frauen und 30 Männer in Dresden, Leipzig und in Köln wurden psychologischen Tiefeninterviews unterzogen. Die überraschend kleine Zahl an Befragten hinderte die Autoren nicht, von "einer psychologischen Repräsentativität" der Ergebnisse für die gesamte Fernseh-Bevölkerung zu sprechen.

Als Ursache der verstärkten Fernsehnutzung im Osten wurde die höhere Arbeitslosigkeit genannt, als Grund der Präferenz für die privaten Veranstalter wird die jüngere Bevölkerung in den neuen Ländern angeführt - was die Tatsache verstärkt, dass jüngere Zuschauer in Deutschland generell Private bevorzugen. Nach Aussage der IP-Forscher stellt sich dieses Resultat auch vor dem Hintergrund ein, dass bei westdeutschen Zuschauern stets die (leicht ideologische) Dimension "Öffentlich-rechtlich versus Privat" mitschwingt, mithin nach Sendern eingeschaltet wird, im Osten dagegen nach aktuellen Sendungen. Zwei Haltungen gehen in dieses Nutzungsverhalten mit ein: im Westen gilt das Privatfernsehen - partiell - als "zügellos" und "Quotenjäger", im Osten werden ARD und ZDF gerne mit dem ehemaligen Staatsfernsehen der DDR assoziiert.

Einheitlich gilt für West und Ost: Fernsehen ist ein Medium, das sich zur Entspannung bis hin zur "Flucht aus dem Alltag" eignet. Noch häufigeres Seh-Motiv ist allerdings das Informationsbedürfnis, "die Welt zu verstehen", respektive "ein Fenster zur Welt" zu haben. Wobei der westliche Info-Begriff ("wertvolle Infos", "Bildung und Wissen vermitteln") über die klassischen Formate Nachrichten und Dokus verfolgt wird. In die östliche Auslegung gehören auch Serien ("geben Orientierung"), Boulevardmagazine und Quizshows ("weil man etwas Neues lernt").

Bei der Abwägung der Chancen und Risiken des Fernsehkonsums zeigen sich Ostdeutsche sehr viel gelassener. Das Medium wird anerkannt als "selbstverständlicher Teil des Alltags", als zentrales Mittel der Freizeitgestaltung. Nutzer im Westen spüren nach Aussage von Cornelia Krebs einen "normativen Druck: Der Westdeutsche sagt, er will das gucken, aber! Der Ostdeutsche sagt: Ich will das gucken." Die selbstkritischere, auf jeden Fall beschwertere Haltung des West-Sehers zu bestimmten Programmen führe bei ihm verstärkt zu Rechtfertigungen: von der Selbstentschuldigung ("Ich bin abends fix und fertig") bis zur Selbstbeschränkung ("Ich muss aufpassen"; "Ich schaue auch mal Dokumentationen").

Diese West-Dilemmas werden von den IP-Forschern mit der Mediensozialisation in der Bundesrepublik verknüpft. Die Wahrnehmung von Fernsehen im Westen sei stark vom Bildungsauftrag und den Diskussionen um die Einführung des Privatfernsehens geprägt gewesen: "Bei den Befragten im Westen waren die Argumente des Kulturpessimismus weitaus präsenter", stellte Thomas Sudholt fest.

Aus dem Ist-Zustand wagte der Forscher einen tiefen Blick in die Fernseh-Zukunft, die von einer höheren Nutzung geprägt sein wird. Deutschland werde älter, das Freizeitbudget nehme zu, hedonistische Lebensweisen gewönnen an Raum, der normative Druck im Westen lasse nach. Im Rausch seiner seherischen Kraft rief Sudholt aus: "Vom Osten lernen, heißt genießen lernen. Die Westdeutschen werden sich in ihrem Fernsehverhalten dem ostdeutschen Vorbild annähern." Auf ein Datum für Deutschland, einig Fernsehland, wollte sich der IP-Forscher nicht festlegen lassen.

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