TV-Talk Anne Will : Woher kommt der Hass gegen Flüchtlinge?

Was sind die Ursachen für Hetze gegen Flüchtlinge? In ihrer letzten Sendung vor der Sommerpause bietet Anne Will zum Thema viel Talk und wenig Show.

Richard Weber
Bei Anne Will wurde am Mittwoch über Flüchtlingspolitik diskutiert.
Bei Anne Will wurde am Mittwoch über Flüchtlingspolitik diskutiert.Foto: picture alliance / dpa

Der Titel verspricht nichts Gutes. „Zeltstädte, Stimmungsmache, Brandanschläge – Sieht so deutsche Willkommenskultur aus?“ Positives wie „Willkommenskultur“. Negatives wie „Zeltstädte“, „Stimmungsmache“, „Brandanschläge“. Reizworte. Zuspitzungen. Die großen Themenkreisen Asylrecht und Flüchtlingspolitik ertrinken in der Flut populistischer Vereinfachungen: „volle Unterkünfte“, „ Abschiebung“, „schnelles Abwimmeln“, „Balkan-Asylbewerber“, „Wirtschaftsflüchtlinge“, „sichere Herkunftsstaaten“. In Talkshows ist das Problem meist ein Kampf „Gut“ gegen „Böse“. Alles wird Schwarz-Weiß gesehen. Kein Platz für Grautöne. Ausnahme bei Anne Will.

Die letzte Sendung vor der Sommerpause. Nur vier Gäste: Ralf Jäger (Innenminister Nordrhein-Westfalen), Bodo Ramelow (Ministerpräsident Thüringen), Monika Hohlmeier (Mitglied Europäisches Parlament) und Maya Alkhechen (Flüchtling aus Syrien). Bis auf wenige Ausfälle wird 75 Minuten lang emotional, einfühlsam, kontrovers, aber so weit wie möglich differenziert diskutiert. Parteipolitische Angriffe – bemerkenswert gering.

Auch wenn er sich am Anfang ziert, im Lauf der Sendung stimmt Ramelow Hohlmeier zu, dass die Dauer für Asylanträge sehr verkürzt werden muss. Auch Maya Alkhechen findet es besser, wenn Asylbewerber schnell wissen, wie in ihrem Fall entschieden wird.

Sollen nur Bürgerkriegsflüchtlinge ein Recht auf Asyl haben?

Uneinigkeit über die Frage, ob nur Bürgerkriegsflüchtlinge ein Recht auf Asyl haben. Und wie schaut es mit den berüchtigten Wirtschaftsflüchtlingen aus? Ramelow sieht besonders Deutschland, aber auch Europa in der Pflicht. Deutschland wegen seiner Geschichte. Europa wegen seiner Werte. Es gibt keinen legalen Weg nach Europa. Flüchtlinge müssen den lebensgefährlichen Weg über das Meer wagen. Und sie müssen Schlepperbanden viel Geld dafür bezahlen. Jäger will diese Probleme damit lösen, dass Flüchtlinge in ihren Heimatländern, in den jeweiligen Botschaften Asyl beantragen können.

Hohlmeier sieht die Notwendigkeit, dass in  Balkanstaaten wie Serbien, Mazedonien, Bosnien, Albanien, Montenegro und Kosovo wirtschaftliche und soziale Probleme direkt vor Ort gelöst werden. Europäische Gelder gäbe es genug. Und auch staatliche Souveränität, hinter der sich viele Machthaber in diesen Ländern verstecken, sollte da kein Hinderungsgrund sein. Die große Zahl von Brandanschlägen und Gewalt gegen Asylbewerberunterkünfte wird von allen verurteilt.

Woher kommt der Hass?

Bei den Ursachen für den Hass herrscht Uneinigkeit. Für Hohlmeier sind das Kriminelle, die bestraft gehören. Ramelow sieht die Schuld bei Politikern wie Seehofer, die mit verbaler Aufrüstung, mit Kampfworten wie „Flüchtlingsflut“ oder „Asylmissbrauch“ Gewalt scheinbar legitimieren. Fairerweise muss man feststellen, dass ein dummer, dumpfer Rechtsradikaler seinen Hass ganz sicher nicht bei Seehofer auftanken muss.

Alkhechen lehnt  die vielen Berichte über Gewalt gegen Asylanten ab. Sie würde lieber positive Beispiele für Hilfe und Willkommenskultur sehen. Zum Schluss wird Europa noch mal in die Pflicht genommen. Es kann doch nicht sein, das sich 28 Staaten nicht auf eine humanitäre und vollziehbare Problemlösung einigen. Ein einfaches, verständliches, nachvollziehbare Einwanderergesetz wäre ein weiterer Puzzlestein, das große Problem „Flüchtlinge“ zu lösen.

Anne Will bietet viel Talk und wenig Show

 Alte Ideen. Neue Ideen. Zeit sich Gedanken zu machen und sie auch auszuformulieren. „Anne Will“ – diesmal viel Talk und wenig Show. Unnötige Show. Keine einfachen und schnellen Problemlösungen, aber die Erkenntnis, dass Politik auch langes und leises Bohren dicker Brettern sein kann.

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