TV-Talk "Anne Will" zu Angela Merkel : Wie Merkel "Ja, ich will" sagt

Die Selbstlose, die Getriebene, die Erfahrene, die Maßvolle - und ein riesiger Problemberg. Die Kanzlerin präsentierte sich am Sonntagabend in vielen Rollen. Bei Anne Will gefiel das nur einem nicht. Doch aus dem wurde keiner schlau.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, rechts) im Interview mit Anne Will Foto: Screenshot "Anne Will"
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, rechts) im Interview mit Anne WillFoto: Screenshot "Anne Will"

Wie macht sie das bloß, dass am Ende eines langen Sonntagabends der Fernsehzuschauer ins Bett geht und anerkennend vor sich hinmurmelt: Mag ja sein, dass Angela Merkel nicht immer alles richtig gemacht hat, aber sie ist eine ehrliche Haut und arbeitet wirklich hart für dieses Land. Ja, wie macht sie das nur?

Vielleicht geht’s so: Stufe eins, die Selbstlose. Sie hat lange mit sich gerungen, sagt die Kanzlerin zuerst in der Pressekonferenz und dann bei Anne Will, sie möchte Deutschland weiter dienen, denkt zuerst ans Land, dann an ihre Partei und zum Schluss an sich selbst.

Stufe zwei, die Getriebene. Die Menschen hätten wenig Verständnis, wenn sie in dieser "schwierigen und unsicheren Zeit" nicht ihre ganze Erfahrung weiter einbringen würde. Denn, Stufe drei, da ist dieser riesige Problemberg. Die Wahl von Donald Trump (Merkel: „Die Weltlage muss sich neu sortieren nach der US-Wahl“), außerdem geht es darum, „die Zeit zum dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts aufzustoßen“ und den Zusammenhalt in einer polarisierten Gesellschaft zu gewährleisten. 

Stufe vier, die Unverbrauchte. Die 62-Jährige hat ausreichend Kraft und Neugier „für die nächsten vier Wochen“, wie Merkel zunächst in einem Versprecher sagt, um sich schnell zu korrigieren, „äh, die nächsten vier Jahre“, kann dem Land immer noch etwas Neues geben.

Und zuletzt, Stufe fünf, die Maßvolle. Merkel, die letzte Führerin der freien Welt? Ach Quatsch, kein Mensch kann alleine die Dinge auf der Welt zum Guten wenden, sagt sie, nur gemeinsam lassen sich Erfolge erzielen, sie traut sich auch weiter zu, „mühselig mit anderen Kompromisse zu schließen“.

Halb zog man sie, halb sank sie hin? Nein, eigentlich zog man sie fast ganz, und sie sank nur ein bisschen hin: Das war Merkels Botschaft.

Lässt sich irgendetwas dagegen einwenden? Der Wähler hat doch sowieso das letzte Wort.

Talk-Koalition der Problemlöser

Mit dem Problem, das in dieser Frage steckt, sah sich Anne Will in einer zwar kurzen, aber durchaus munteren Diskussionsrunde konfrontiert. Auf nicht ganz widerspruchsfreien Krawall gebürstet war einzig der ewige Gefühlsstau-Diagnostiker Hans-Joachim Maaz aus Halle. Er warf Merkel "puren Populismus" vor, die Wahlerfolge von Donald Trump in Amerika und der AfD in Deutschland seien auch Folge ihrer Politik, dabei gebe es in der Bevölkerung ein starkes Bedürfnis nach neuen Lebensformen, „die Menschen spüren, dass die kapitalistische Maximierung von Profit ein Ende erreicht hat“. Wenig später lobte Maaz die Straßenproteste von AfD und Pegida als das Gute an Deutschland. Wirklich schlau wurde man daraus nicht.

Berlins Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) bildeten denn auch schnell eine Art große Koalition der überzeugten Problemlöser in der Politik. Sie brachen gleich mehrere Lanzen für Anstand, Repräsentanz, inhaltliche Auseinandersetzungen und Kompromisse. Das klang sehr staatsbürgerlich. Ohnehin seien die, die heute die Etablierten angreifen, die Etablierten von morgen (Wowereit). Außerdem würde die AfD ja nicht automatisch verschwinden, wenn Merkel nicht als Kanzlerin kandidieren würde (Kramp-Karrenbauer).

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Merkel tritt noch einmal für volle vier Jahre an
Merkel tritt noch einmal für volle vier Jahre an

So blieb es am Ende bei Giovanni di Lorenzo, dem Chefredakteur der „Zeit“ und Herausgeber des „Tagesspiegels“, den Diskussionshorizont ein wenig zu erweitern. Wer allein über den Umgang mit der AfD rede, verenge  die Debatte, der allgemeine Vertrauensverlust habe sehr viel mehr Ursachen, Stichworte: Finanzkrise ohne Privathaftung, Irakkriegslügen, Missbrauch in der Kirche. Drängender seien auch ganz andere Probleme – „Europa kann auseinanderfallen“, falls Marine Le Pen in Frankreich die Präsidentschaftswahlen gewinnen sollte.

Merkel hätte dazu sicher bedeutungsschwer genickt. Doch die war ja gar nicht mehr da, sondern ist nun offenbar vollkommen damit beschäftigt, die Digitalisierung als großes Zukunftsthema zu entdecken. Interessant wäre zu erfahren gewesen, ob sie damit nicht, erstens, um viele Jahre zu spät kommt (schon beim NSA-Skandal sprach sie vom „Neuland“), und ob, zweitens, die Pegida-Demonstranten in Dresden wirklich deshalb „Merkel muss weg!“ brüllen, weil sie vor allem flächendeckendes W-Lan haben wollen. Man sieht: Da gibt’s noch viel zu vertiefen.

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