• TV-Talk "Anne Will" zu Merkel gegen Schulz: Helene Fischer erwartet auch keiner beim Duell

TV-Talk "Anne Will" zu Merkel gegen Schulz : Helene Fischer erwartet auch keiner beim Duell

Anne Wills Gäste sollten über ein Duell diskutieren, das eher ein Duett war. Aber alle waren froh, dass bei Merkel und Schulz nicht so gekeilt wurde wie bei Trump und Co.

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Talkgastgeberin Anne Will (Archivbild)
Talkgastgeberin Anne Will (Archivbild)Foto: dpa/Jens Kalaene

"Nach dem Duell" hatte die Redaktion von Anne Will ihren sonntagabendlichen Talk betitelt. Namensstiftend war also das vorausgegangene TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Martin Schulz (SPD). Problem: Keiner von Wills Talk-Gästen hatte ein Duell gesehen.

Als erster durfte Unterhalter Thomas Gottschalk meckern, der in der Funktion eines "normalen Wählers" eingeladen war. "Ich habe ja kein Feuer erwartet, aber das war ja nicht mal ein Feuerwerk". Gottschalk bleibt laut eigenen Aussagen wahltechnisch unentschlossen - vor allem, weil er während des TV-Duells öfter mal den Faden verloren hatte, was ihm die Kanzlerin oder Martin Schulz eigentlich nahebringen wollten.

So wie Gottschalk erging es unter Garantie auch vielen anderen Zuschauern. Die Frage ist nur: Warum hat Anne Will keinen von ihnen eingeladen? Sondern Gottschalk? Zuschauer, die keinen prominenten Nachnamen tragen, tauchten als Prozentzahl in ersten Befragungen auf, die ergaben: Mehr als die Hälfte der Duell-Gucker fand Merkel überzeugender.

Merkel profitiert vom Amtsbonus

Christiane Hoffmann, stellvertretende Leiterin des "Spiegel"-Hauptstadtbüros hatte zwar auch "kein Duell gesehen", war von diesen schnell erhobenen Daten aber doch überrascht. Schulz formuliere besser, Merkel habe dafür vor allem einen dicken Amtsbonus. Franz Müntefering, ehemaliger Parteivorsitzender der SPD, wirkte über Schulz' Auftritt ebenfalls nicht gerade euphorisch. Es sei zu wenig um Themen gegangen, die "die Menschen berühren". Sprich: Besonders innenpolitische Fragen kamen sträflich kurz weg, fast die Hälfte des Duells drehte sich um den Themenkomplex Flüchtlinge.

Sandra Maischberger, eine der Duell-Moderatorinnen, saß kurze Zeit später bei Kollegin Will auf der Couch und konnte diese Kritik nicht nachvollziehen. Geht es nach ihr, haben sie und ihre fragestellenden Kollegen alles richtig gemacht - Merkel und Schulz seien mehr oder weniger selbst Schuld, weil sie so viel wertvolle Sendezeit für ein einziges Thema verbraten haben.

Will lässt Guttenberg vage bleiben

Komplettiert wurde die orakelnde Runde von Karl-Theodor zu Guttenberg, der als Ex-Verteidigungsminister seit kurzem wieder Wahlkampf für die CSU macht. "Schulz prallt an Merkels Gummiwänden der Erfahrung ab" lautete sein Fazit - seiner Meinung nach zu Recht, denn die Kanzlerin sei bei vielen Themen besser und kompetenter gewesen.

Anne Will bohrte nebulös in seine Richtung, ob er sich eine Rückkehr in die deutsche Politik vorstellen könne - die offensichtliche Frage: "Wollen Sie Kanzler werden?" stellte sie nicht. Ähnlich vage blieb deshalb Guttenbergs Antwort. Am Wahltag sei er bereits wieder in den USA - dem Zufluchtsort, den er nach seiner Plagiatsaffäre gewählt hatte.

Inhaltlich unwichtig, aber immerhin: Die deutschen TV-Duelle sind für ihre ausgesuchte Höflichkeit bekannt, was in Zeiten von Trump und Co. alle Anne-Will-Diskutanten lobend hervorhoben. Dem ratsuchenden und unentschlossenen Wähler hilft soviel unspektakulärer Kuschelkurs zwar auch nicht weiter, aber, so weiß zu Guttenberg: "In Deutschland erwartet ja auch keiner ein Duell, in dem Helene Fischer auftritt". Geschadet hätte es aber auch kaum.

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