TV-Talk "Anne Will" zur Bundestagswahl : Die Fünf von der gemütlichen Erklärstelle

Ob die Politiker die Wähler noch verstehen? So richtig in Schwung kamen Anne Wills Gäste nicht bei der Beantwortung der Frage.

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Freundlich, wenig kontrovers: Die Gäste bei TV-Talkerin Anne Will
Freundlich, wenig kontrovers: Die Gäste bei TV-Talkerin Anne WillFoto: dpa/NDR/Wolfgang Borrs

Die Gemeinten saßen nicht im „Anne Will“-Studio, also die Wohlfühlwahlkämpfer nicht und nicht die Wutbürger. Die Fünferrunde war zur Erklärung beider Typen und zur Klärung der damit verbundenen Frage eingeladen: Verstehen die Politiker die Wähler noch?

Immerhin, so intonierte Moderatorin Will die Debatte, seien noch 40 Prozent der Wähler unentschlossen. Ob der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen noch nicht weiß, wem er seine Stimme am kommenden Sonntag geben wird, das verriet er nicht, dafür positionierte er sich als Mitglied der „ratlosen Mitte“: diese empfinde das kommunikative Klima als visionsfeindlich, den Wahlkampf als politisch entleert, es fehle gerade in der Mitte an programmatischer Polarisierung.

Das war nicht aggressiv gegen die zwei Gäste aus dem politischen Milieu gerichtet, jedenfalls schienen weder Theo Waigel, ehemaliger (CSU-)Finanzminister, noch Gesine Schwan, (SPD-)Politologin, von diesen Feststellungen in ihren Grundfesten erschüttert. Schwan wurde nur unruhig, ja sehr energisch, als Thea Dorn, Publizistin und Philosophin, von einer „denkfaulen SPD“ mit Blick auf deren Parteiprogramm sprach. Schwan also nannte Dorn eine „realitätsfremde Intellektuelle“.

Kein rechter Schwung in der Runde

Das war es dann aber auch schon, an Invektive und Zuspitzung. Es wurde deutlich, dass hier keine parteipolitischen Zähnefletscher und Wadenbeißer zusammengekommen waren, sondern nachdenkliche Menschen, die eine wohltemperierte, gedankengesättigte Diskussion führen wollten. Das hatte was von Salon, ja von einer Gemütlichkeitsrunde. Dazu passte, dass Frank Richter, Theologe und ehemaliger Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, mit einiger Länge erklären konnte, warum er nach 25 Jahren aus der CDU ausgetreten sei.

Das Gespräch wollte keine rechte Fahrt aufnehmen. Dorn und Schwan verhakten sich nochmals bei der Frage, was denn deutsche Kultur sei, Pörksen beklagte, die Medien würden zu sehr einen Inszenierungs- und Beobachtungsdruck auslösen. Selbst die zu ihren Gästen sehr freundliche Anne Will musste nach 45 Minuten feststellen: „Wir springen durch die Themen.“

Also tat sie, was sie vorher nicht getan hatte, sie setzte der Runde den allerdings bemerkenswerten Wahlkampfaspekt vor die Nase, dass Angela Merkel, der CDU-Kanzlerin aus dem Osten, ebendort enorm viel Wut und Ablehnung entgegenschlägt. Auch hier waren die Antworten vielfältig und sehr viel mehr Deutungsversuche denn Verurteilungen. Schwan: Merkel reüssiert nach westdeutschen Maßstäben, nicht nach ostdeutschen. Richter: Merkel vermittelt kein Interesse an den Sorgen und Problemen zahlreicher Ostdeutscher, die sich zudem in ihrer Lebensleistung nicht wertgeschätzt fühlen.

Kein Blick nach vorn

Die Fünf von der Erklärstelle ließen ihre Gedanken kreisen, ordentlich bis originell, höflich bis bedacht, diese Ausgabe von „Anne Will“ suchte nicht die Konfrontation. Ob sich Wohlfühlwahlkämpfer und Wutbürger da irgendwie repräsentiert sahen? Es mag zu weit gegriffen sein, aber in ihrer Abgeklärtheit, Abgehobenheit, Affektfreiheit bevorzugte die Runde zu sehr das Parlando. „Anne Will“ hätte an diesem 17. September so gar nicht stattfinden müssen. Oder gerade so, weil die Runde dem Gedanken und nicht dem Getöse den Vorzug gab?

Bei den intellektuellen Kapazitäten der Gäste durchaus bedauerlich, dass die Runde keinen Blick nach vorn wagen sollte. Nach dem Wahlsonntag am 24. September wird mit der AfD erstmals seit den 50er Jahren eine Partei aus dem rechten Spektrum in den Bundestag einziehen – und damit auch der zeitgenössische Nationalismus, der anderswo in Europa längst etabliert ist. Insgesamt werden es sechs Parteien im Parlament sein, eine Zersplitterung der Parteienlandschaft, wenn nicht eine politische Spaltung wird dann Faktum. Der neue Deutsche Bundestag wird kein Wohlfühl-, sehr wahrscheinlich ein Wutparlament. 

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