TV-Talk "Anne Will" zur Rente : So richtig streiten wollte keiner

"Alles super" bis 2030: Bei Anne Will lobt sich Arbeitsministerin Andrea Nahles für ihre Rentenreform. Gegenwehr leisten die anderen Gäste kaum.

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Talkgastgeberin Anne Will
Talkgastgeberin Anne WillFoto: dpa

Rente: Ein Stichwort, bei dem sich Ältere gern grummelnd beschweren und Junge verängstigt zusammenzucken. Die von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) geplante Reform des Absicherungssystems war am Sonntagabend auch Thema bei Anne Will - allerdings unter der Frage, ob aus der Reform eher ein "Reförmchen" geworden ist. Und: Ob das System so - noch und in Zukunft - überhaupt etwas taugt.

Nahles ist sich sicher: Ihr Ansatz, die Rente zu reformieren, sei das "umfassendste Programm gegen Altersarmut", das jemals vorgelegt wurde. Die Ministerin will dadurch bis 2045 ein Rentenniveau von 46 Prozent garantieren. Nur dumm, dass von ihren Vorschlägen in der Talkshow kaum jemand angetan war.

Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion, plädiert vielmehr für eine gesetzliche Mindestrente, wie sie etwa in Österreich greift. Die liegt dort bei 1.030 Euro. Auch in Deutschland wäre das laut Bartsch möglich, wenn jeder Beitragszahler circa 30 Euro mehr berappen würde. Aber: Von Mindestrente will Nahles nicht wirklich etwas wissen.

Bis 2030 sei beim Rentenniveau sowieso "alles super", so die SPD-Ministerin. Immerhin beziehen nur drei Prozent der deutschen Rentner Grundsicherung. Bedeutet: Sie fallen nicht unter die Armutsgrenze.

"Kaffeesatzleserei" für kommende Jahrzehnte

Doch nach 2025 geht vor allem die sogenannte Babyboomer-Generation in Ruhestand - und dann wird es eng. Steuer- und Beitragserhöhungen seien deshalb ab 2030 unumgänglich. Zahlen werden das alles vor allem die Jungen. Die sollen aber in Zukunft natürlich auch etwas aus dem Topf rausbekommen, verspricht Nahles - gibt andererseits aber zu, dass Prognosen bis 2065 "Kaffeesatzleserei" wären. Dass sich 75 Prozent der jungen Deutschen vor Altersarmut fürchten und kaum noch an die gesetzliche Rente glauben: Tja. Die Fehleinschätzung einer ganzen Generation?

Elisabeth Niejahr, Hauptstadtkorrespondentin der "Zeit" und Volkswirtin sieht die Lösung eher in einer Anhebung der Lebensarbeitszeit. Nicht unbedingt für die, die nicht mehr können - aber für die, die noch wollen. "Die Haltung in der Bevölkerung ändert sich", ist sie sich sicher.

Realistischer ist da schon die Einschätzung von Carsten Linnemann von der CDU, der zumindest anmerkte, dass gewisse Berufsgruppen wie Bauarbeiter ab einem gewissen Alter körperlich schlicht nicht mehr arbeiten können. Eine entlarvende Frage brachte es auf den Punkt: "Frau Nahles, ihr Vater war Maurer. Hat der mit 63 noch gearbeitet?" - "Nein" war die Antwort, wobei sich die SPD-Ministerin genötigt sah, hinzuzufügen: "Aber viele seiner Kollegen schon!"

Von den Rentnern zu den Kindern

Überhaupt, plötzlich war sich die Runde sehr einig: Eines der größten Probleme Deutschlands sei beileibe nicht Alters-, sondern Kinderarmut. 14 Prozent aller deutschen Kinder wachsen mit Grundsicherung auf, eine weit höhere Zahl als bedürftige Rentner. Ein Skandal in einem so reichen Land. Richtig. Nur: Was bringt diese Erkenntnis den älteren Herrschaften, die landauf, landab schon heute nach Pfandflaschen in Mülleimern wühlen? Elisabeth Niejahr kennt zum Glück nur so begüterte Ältere, die sich ohne Rentensorgen mehr Geld für Kindergärten, Schulen und Bildung wünschen können.

Die Renten sind in der jüngeren Vergangenheit so stark gestiegen wie seit Jahrzehnten nicht. Aber in Zukunft? Da weiß auch die Talkrunde bei Anne Will keinen Rat. Es wird aber interessanterweise ein "Rentenwahlkampf" für die kommende Bundestagswahl prophezeit - trotz anderer großer, politischer Fragen wie Flüchtlingsproblematik, Rechtspopulismus und AfD.

Vielleicht ist sich am Ende eben doch jeder selbst der nächste, egal, was vor seiner Haustür sonst noch passiert. Nur einen "Die Rente ist sicher"-Norbert Blüm wird es in den kommenden Jahren kaum geben.

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