TV-Talk : Auschwitz-Überlebende zu Gast bei Günther Jauch

Bei Günther Jauch haben am Sonntagabend zwei Holocaust-Überlebende von ihrem Schicksal berichtet. Der Moderator tat sich sichtlich schwer mit dem sensiblen Thema.

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Günther Jauch Foto: dpa
Günther JauchFoto: dpa

„20 Prozent aller Deutschen unter 30 können mit dem Begriff Auschwitz überhaupt nichts anfangen.“ Eine beschämende Aussage über das historische Bewusstsein junger Deutscher. Und eine Bankrotterklärung des Geschichtsunterrichts an unseren Schulen. Günther Jauch beginnt damit seine wöchentliche Talkshow.

Aber ist es wirklich eine gute Idee, sich im „Polittalk aus dem Herzen der Hauptstadt“ mit dem Thema Auschwitz zu befassen? Bei Günther Jauch wird wöchentlich diskutiert, manchmal sogar richtig hitzig. Die Sendung wird nicht in einem typischen Fernsehstudio produziert, sondern im Berliner Gasometer. Einer riesigen, unpersönlichen und alles andere als intimen Talkarena.

An diesem Ort müssen die beiden ersten Talkgäste, Eva Erben und Margot Friedländer, von ihrem grausamen Schicksal erzählen. Eva Erben hat das KZ Theresienstadt und das KZ Auschwitz überlebt. Margot Friedländer konnte sich ein Jahr in Berlin verstecken und hat das KZ Theresienstadt überlebt. In den meisten Sendungen hat die Redaktion zu verschiedenen Themen Talkgäste mit unterschiedlichen Meinungen eingeladen. Aber wer soll so einen Gegenpart bei Überlebenden der Nazi-Diktatur einnehmen?

Günther Jauch hangelt sich von Frage zu Frage

Günther Jauch, sonst als Moderator dafür zuständig, Gäste und Aussagen zu einer Einheit zusammenzufügen, kann sich hier nur von Frage zu Frage hangeln. Bei diesem Talk, der auf der Internetseite der Sendung wohlweislich als Zeitzeugengespräch angekündigt wird, gelingt ihm das in weiten Teilen erschreckend schlecht. Fast immer schaut er krampfhaft auf seine Fragenzettel und nicht seinem Gegenüber in die Augen. Das erweckt den Eindruck, als ob ihn das Ganze gar nicht so sehr interessieren würde.

Die Kurzbeiträge der Sendung - Interview-Sequenzen an verschiedenen Orten. Warum werden die Aussagen als Beitrag gesendet? Die Gäste könnten das doch auch live in der Sendung erzählen. Richtig beklemmend wird es, als Eva Erben von Dr. Mengele erzählt. Der Lagerarzt von Auschwitz, der „Selektionen“ vornahm, das Vergasen überwachte und medizinische Experimente an Häftlingen durchführte, pfeift zusammen mit einem Installateur eine Opernarie. Erben erkennt in dieser speziellen Situation in dem Unmenschen Mengele doch noch einen Rest menschlichen Charakters. Und sie fragt sich, wie ein gebildeter Menschen so ein Ungeheuer werden kann.

Da müsste Jauch nachfragen. Aber er hat nichts Besseres zu tun, als auf seinem Kärtchen die nächste, inhaltlich weit entfernten Frage abzulesen. Im letzten Teil der Sendung kommt Gerhard Wiese dazu, einer der Staatsanwälte beim Auschwitz-Prozess. Auf die Frage, warum es so lange mit der gerichtlichen Aufarbeitung der Nazizeit gedauert hat, lässt sich Jauch mit eher unkritischen  Antworten abspeisen. Auch da kein insistierendes Nachfragen. Unhöflich wird Jauch, als er Wiese mit der Frage nach der Blindheit der Justiz auf dem rechten Augen konfrontiert. Wiese antwortet etwas zu lang und umständlich. Jauch unterbricht und stellt eine ganz andere Frage an Friedländer. Günther Jauch, quotenmäßig meist der Leuchtturm der ARD-Talkshows, diesmal inhaltlich und formell eher ein Strohfeuer. Schade.

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