TV-Tipp : Aus dem Reich der Toten

Zwei Seiten einer Medaille in Hitchcock-Manier: "Die Lüge" zeigt Natalia Wörner in einer Doppelrolle.

Thilo Wydra
Die Lüge
Mal cool, mal schüchtern. Natalia Wörner in doppelter Ausführung. -Foto: ZDF

Die Doppelgänger-Thematik ist ein über Jahrhunderte tradiertes Motiv. Ob in der Literatur, man denke an die Novellen E.T.A. Hoffmanns, oder in anderen Künsten: das Ambivalente, das Sich-im-Anderen-Spiegeln – es ist ein nahezu eigenständiger Topos. Das 53 Filme umfassende Werk von Alfred Hitchcock thematisiert diese Dualität des Menschen wie kein zweites. Da stellen oftmals zwei konträre Figuren die beiden Pole ein- und desselben Charakters dar. An Alfred Hitchcocks subtilem Suspense reichen die Thriller der Autorin Petra Hammesfahr nicht heran, doch ist in ihrem Roman „Die Lüge“, der von Regisseurin Judith Kennel für das Fernsehen verfilmt wurde, das Doppelgänger-Motiv zentraler Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Es ist der pure Zufall, als Susanne Lasko und Nadja Trenkler (beide gespielt von Natalia Wörner) plötzlich im Aufzug nebeneinanderstehen und ihre verblüffende Ähnlichkeit bemerken. Da sind zwei, die sehen aus wie einander aus dem Gesicht geschnitten. Zwei, die eigentlich eine sind.

Susanne Lasko geht durch das Leben wie das graue Mäuschen, ist unauffällig und unscheinbar. Zudem arbeitslos. Und ihr Ehemann Dieter Lasko (Uwe Bohm), der längst mit einer anderen Frau zusammenlebt, fordert nach zwei Jahren die Scheidung. Die andere, Nadja Trenkler, tritt kühl und selbstsicher auf, meist mit geschlossenem Haar, geschminkt, ganz in Schwarz gekleidet. Sie spekuliert an der Börse und mit Immobilien. Sie weiß genau, was sie will.

Ihre Ehe mit Michael Trenkler (Mark Waschke) ist am Ende, trotz High-Tech-Fashion-Haus. Längst tröstet sie der Immobilienspekulant Philipp Hardenberg (Manfred Zapatka). Und so kommt Nadja auf den Plan: Susanne soll ab und an in die Rolle Nadjas schlüpfen, zu Hause, bei Ehemann Michael, wenn sie bei Philipp ist, oder mit diesem in Zürich unsaubere Geschäfte tätigt. Susanne nimmt widerwillig an. Sie braucht das Geld. Sie hat keine Wahl. Nadja weiß das. Wie Tippi Hedren in Hitchcocks „Marnie“ oder Kim Novak in „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“, so nimmt Susanne die Gestalt Nadjas an, färbt ihre Haare noch dunkler, zieht ihre schwarzen Kleider an, schminkt sich. Mit einem aber hat niemand gerechnet: Susanne verliebt sich in Nadjas Ehemann. Eines Tages wird eine der beiden Frauen tot in der Badewanne gefunden.

Die Inszenierung von Regisseurin Judith Kennel schwankt zwischen Elementen des Psycho-Thrillers und jenen des Frauen-Psychogramms, obgleich Letzteres in einer durchaus wünschenswerten Tiefe zu kurz kommt. Schauspielerin Natalia Wörner, die hier quasi in jeder Einstellung zu sehen ist, meistert diese Herausforderung der Doppelrolle. Wörner vermag es, dem Zuschauer die weiche, unprätentiöse Susanne sympathisch zu machen, während man für die unterkühlte Nadja wenig Empathie empfindet. Zwei Seiten einer Medaille. Ambivalent wie im richtigen Leben.

„Die Lüge“, ZDF, 20 Uhr 15

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