TV-Tipp : Der Bärenmann

Auge in Auge mit dem gefährlichsten Raubtier Nordamerikas: Der 70-Jährige Charlie Vandergraw lebt in Alaska mitten unter Schwarzbären und Grizzlys. Der Sender Arte zeigt an diesem Mittwoch (19 Uhr) ein faszinierendes Porträt des Aussteigers.

Achim Fehrenbach
Bärenmann
Charlie Vandergraw mit Grizzly. -Foto: Promo

Mit gesenktem Kopf steht der Grizzly da. Charlie Vandergaw geht langsam auf ihn zu, murmelt beruhigende Worte, in der hohlen Hand einen Keks. Doch der Grizzly reagiert nicht, steht nur da und starrt geradeaus. Da zieht sich Charlie langsam zurück. Schritt für Schritt, immer wieder einen Blick über die Schulter werfend, entfernt er sich von dem kolossalen Tier. Die Gefahr ist in diesem Moment unkalkulierbar geworden. Seit dem Vorfall mit der Hand ist Charlie gegenüber der Bärin Cookie extrem vorsichtig. "Ich glaube, aus ihr ist ein Grizzly geworden, vor dem ich Angst habe. Wahrscheinlich soll das so sein."

Was bringt einen Menschen dazu, mitten unter Raubtieren zu leben? Vor 20 Jahren baute der ehemalige Hobby-Bärenjäger Charlie Vandergaw eine Hütte im tiefsten Alaska, 100 Kilometer von der nächsten Straße entfernt. Seitdem verbringt der pensionierte Lehrer jedes Jahr mehrere Monate in der Wildnis. Der 70-Jährige ist in dieser Zeit völlig auf sich allein gestellt, denn in der Hütte gibt es nicht einmal ein Funktelefon. Einsam ist Charlie allerdings nicht: Ein gutes Dutzend Bären findet sich regelmäßig rund um das Blockhaus ein. Den Schwarzbär Walt lässt Charlie sogar bis in seine Küche - wenn er dort keine Unordnung macht.

"Wenn man die Tatsache für sich allein betrachtet, dass jemand so dicht an die Grizzlys und Schwarzbären herangeht, wirkt das wie der blanke Wahnsinn. Doch so reißt man es aus dem Zusammenhang heraus. Man muss das Ganze betrachten, man muss auch die vielen Jahre Erfahrung sehen." Nur zu gut kennt Charlie die Kritik an seinem Experiment. Er sei verrückt, lebensmüde oder beides und werde unweigerlich so enden wie der "Grizzly Man" Timothy Treadwell: Den hatten seine vierbeinigen Freunde 2003 schlichtweg verspeist. Doch Charlie will nicht mit Treadwell in einen Topf geworfen werden: Er dringe nicht in ihren Lebensraum ein, sondern lasse die Bären zu sich, zur Hütte kommen. Den lokalen Behörden geht aber auch das schon zu weit. Das Füttern von Bären ist in Alaska verboten. Denn dadurch verlieren die Tiere ihre Scheu vor dem Menschen und dringen auf Futtersuche bis in Wohngebiete vor.

Bleibt die Frage, warum die Bären Charlie nicht angreifen, obwohl er doch als veritables Festmahl vor ihren Nasen herumspaziert. Ein Grizzly kann einen Menschen mit einem einzigen Prankenhieb töten - dem Einsiedler fressen die riesigen Raubtiere aus der Hand. Vandergaw macht einen stets hellwachen Eindruck, vermeidet jede hektische Bewegung und beobachtet die Bären sehr genau. Die Laute, die sie ausstoßen, sind eines der wichtigsten Signale. "Das typische Grollen der Grizzlys ist einfach nur Bärensprache", sagt Charlie und lässt sich nicht einmal davon aus der Ruhe bringen, dass wenige Meter neben ihm zwei ausgewachsene Grizzlys übereinander herfallen.

Hohes Risiko

Erst 2007 erfuhr die Weltöffentlichkeit vom Leben des "Bärenmannes" Vandergaw. Der britische Dokumentarfilmer Jon Alwen verbrachte 51 Tage in der Hütte des Einsiedlers und begleitete ihn auf Schritt und Tritt. Herausgekommen ist eine faszinierende Natur-Doku und das Porträt eines Mannes, der nahezu sein gesamtes Leben den Bären gewidmet hat. "Die meisten Menschen suchen nach etwas, was ihrem Leben Sinn gibt, um dem täglichen Einerlei zu entfliehen. Ich habe das Ganze auf die Spitze getrieben" sagt Vandergaw und wirkt dabei eher wie ein Philosoph als wie ein Verrückter. Dennoch geht er bei seinen Annäherungsversuchen ein hohes Risiko ein: Besonders die Grizzlys sind unberechenbar und haben in den vergangenen drei Jahren drei der bekanntesten Bärenforscher getötet. Charlie ahnt zweifellos, dass er sich einer Grenze nähert, die nicht überschritten werden sollte - die frische Narbe an seiner Hand spricht eine deutliche Sprache.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben