Medien : TV-Tipp: Der Volksheld von der Müllkippe

Thomas Gehringer

Jeder kennt Boris Jelzin, aber wer ist Sergej Jewdakimow? Man könnte wie Bertolt Brechts "lesender Arbeiter" fragen: Hat eigentlich Jelzin selbst den Panzer, auf dem er im August 1991 eine flammende Rede gegen die Putschisten hielt, vor dem Moskauer Weißen Haus geparkt?

Natürlich nicht. Vielmehr war Major Sergej Jewdakimow damals der erste Rotarmist, der sich als Kommandant einer kleinen Panzer-Einheit den Putschisten entgegen stellte, die Brücke vor dem Weißen Haus blockierte und Jelzins historischen Auftritt erst ermöglichte. Als Lohn dafür erhielt er später eine Medaille und eine Armbanduhr - mit dem Bild von Jelzin. Heute sortiert der bescheidene Jewdakimow Abfall bei der städtischen Müllverwertung. Immerhin hat er einen Arbeitsplatz, aber der ist an Trostlosigkeit kaum zu überbieten.

Gerd Ruge und Thomas Roth, die den Untergang des Sowjetreichs als ARD-Korrespondenten vor zehn Jahren mit klugen und bewegenden Reportagen begleitet hatten, suchten noch einmal Schlüsselfiguren der historischen Ereignisse von 1991 auf. Doch ihr Film "Panzer in Moskau - 10 Jahre nach dem Putsch" (ARD, 17. August, 21 Uhr 45) soll weniger ein Rückblick als ein "Panorama der russischen Gesellschaft von heute" sein, sagt Roth.

Das ist nicht immer ermutigend, aber immer interessant. So stellen uns die beiden Journalisten von der ARD - als bitterer Kontrast zum vergessenen Helden Sergej Jewdakimow - einen der Drahtzieher des Putsches, Oleg Baklanow, vor. Der einstige Chef der sowjetischen Rüstungsindustrie sitzt in einem ordentlichen Büro und gibt sich optimistisch: "Die kommunistischen Ideale werden wieder hergestellt", sagt er, "und dann kommt die Vereinigung der Menschheit". Der saubere Herr Baklanow verbrachte zwar einige Zeit im Gefängnis, doch nun ist er wieder Rüstungsindustrieller, diesmal als Chef einer privaten Firma. Was man eben so macht, um den kommunistischen Idealen zum Durchbruch zu verhelfen.

Doch es ist nun keineswegs so, dass die Putschisten von einst in Saus und Braus leben, die stillen Helden dagegen alle arme Schlucker sind. Michail Kusnerowitsch zum Beispiel war im Jahr 1991 ein junger Kioskbesitzer und belieferte die Widerstandskämpfer mit Eintopf und Buletten. Heute ist er ein reicher Modeproduzent und Cafébesitzer und organisiert in Sichtweite des Kremls edle Feste für die Moskauer Oberschicht. Einer der "Haifische des russischen Kapitalismus" sei er dennoch nicht, betont Thomas Roth.

Die Autoren präsentieren uns noch weitere schillernde Figuren, darunter mit dem Neu-Sozialdemokraten Michail Gorbatschow einen "älteren Herrn, der entdeckt, dass seine Zeit doch noch nicht vorbei ist", wie Gerd Ruge mit feiner Ironie bemerkt. "Wieder zurück zur UdSSR, das wäre eine reaktionäre Idee", findet Gorbatschow. Nicht nur der letzte Sowjetführer ist sichtbar älter geworden. Aber was sind schon zehn Jahre im Lauf der Weltgeschichte? Das neue Russland sei "nicht prinzipiell anders", erklärt der Schriftsteller Michail Schischkin, den es resigniert ins Exil nach Zürich getrieben hat. Dagegen sagt der Vater von einem der drei Opfer, die die kurzen Straßenkämpfe in Moskau im Jahr 1991 gefordert hatten: "Keine Frage, es hat sich zum Besseren gewandelt."

Ein abschließendes Urteil über die Entwicklung Russlands kann der facettenreiche Film verständlicherweise nicht anbieten. Schade ist allerdings, dass Gerd Ruge und Thomas Roth nicht die Moskauerin ausfindig gemacht haben, die die rollenden Panzer 1991 am Straßenrand begrüßt hatte, in dem sie ihnen einen Vogel zeigte. Diese Art von Widerstand hat Gerd Ruges ganze Sympathie: "Wenn in Deutschland ein Putsch stattfinden würde, würde ich das wohl auch machen."

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