TV-Tipp : Die Liebe und die Politik

Ein persönlich gehaltener Arte-Film über das Ende des "Prager Frühlings".

Eckart Lottmann

Liuba und Hubert nehmen sich in die Arme. Sie kommt aus der Ukraine, er aus München. Vielleicht wären sie, früher einmal, ein Liebespaar geworden. Wenn die Sowjetunion nicht 1968 in die CSSR einmarschiert wäre. Nun sind Liuba und Hubert 40 Jahre älter, vom Leben gezeichnet. Filmemacher Peter Heller hat den Mut, seine Geschichte über die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ mit der Wieder-Begegnung dieser verhinderten Liebenden anzufangen. Kitschig oder rühselig wird das allerdings nicht. Heller hält die Balance zwischen individuellem Schicksal und politischer Entwicklung, fügt geschickt Zeitzeugen-Berichte und filmisches Archivmaterial zusammen. Sein Film ist eine persönlich gehaltene und informative Rückschau.

Die Medien berichten in jüngster Zeit oft vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die CSSR im August 1968. Der slowakische Kommunist Alexander Dubcek wollte einen „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“, und die Sowjetunion hat seine Reformen verhindert, mit militärischen Mitteln, das wissen wir. Peter Heller will das nicht ein weiteres Mal erzählen, er vertraut auf die Attraktivität dramatischer Schicksale – aber er verrät sein Thema nicht ans Allzumenschliche, Gefühlige.

Film-Kommentar und Archivmaterial benennen knapp das Geschehen, im Zentrum des Films stehen jedoch die Geschichten der Zeitzeugen, deren persönliche Erlebnisse die zentralen Ereignisse widerspiegeln. Kamila Mouckova zum Beispiel war 1968 eine sehr beliebte Fernseh-Nachrichtensprecherin. Sie erinnert sich, wie sie damals im TV-Studio von sowjetischen Soldaten bedrängt wurde, das Mikrofon herzugeben. Sie wusste: „Wenn ich loslasse, schaffen die mich fort.“ Natürlich hat man sie fortgeschafft, sie lebte danach jahrelang als Putzfrau. Ein Schicksal, das sie mit vielen anderen teilte, die als Unterstützer des „Prager Frühlings“ bekannt waren. Mouckovas Kollege Jiri Dienstbier wurde nicht mehr als Radio-Journalist, sondern als Heizungstechniker beschäftigt. Seine Geschichte allerdings fand ein gutes Ende: 1989, nach der „samtenen Revolution“ in der CSSR, wurde Dienstbier der erste Außenminister der neuen Republik.

Natürlich könnte man Ausgewogenheit einfordern und bemängeln, dass Peter Heller keine sowjetische Soldaten oder andere Gegner des „Prager Frühlings“ interviewt hat. Mag sein, dass noch einige bedenkenswerte Aspekte hinzugekommen wären. Doch Hellers Sache ist das nicht. Er lässt uns teilhaben an den entscheidenden Stunden nach dem 20. August ’68, lässt spüren, welche Angst die Menschen damals hatten. Ein großes Land zwang einem kleinen seinen Willen auf – darauf lief es damals hinaus. Kein Wunder, dass wir uns heute, beim russisch-georgischen Konflikt, daran erinnert fühlen.

Liubas und Huberts beginnende Liebe, die durch eine Kugel beendet wurde – das ist, am Ende dieses Films, mehr als nur eine hübsche Episode. Für Heller ist diese „kleine“ Geschichte wie ein mahnendes Symbol. Prag war der Ort, wo Menschen aus dem Osten und aus dem Westen sich treffen konnten – eine kurze Zeit lang. Heller, der in Prag geboren wurde, hat sicherlich die Hoffnung, dass die Tschechei wieder ein Ort der Begegnung sein kann. Nicht nur für Liebende.

„Panzer in der goldenen Stadt – Das Ende des Prager Frühlings im August 1968“, Arte, 21 Uhr

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