TV-Tipp : Hinter den Regalen

Vorsicht, Kamera: "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal ermittelt im Discounter-Milieu. Ein Krimi zur Wirtschaftskrise und zur allgemeinen Angst um den Arbeitsplatz.

Markus Ehrenberg
Tatort Kassensturz
Lena Odenthal und Kollege Mario Kopper ermitteln im Supermarkt. -Foto: SWR/Krause/Burberg

Es kommt nicht allzu oft vor, dass sich eine politische Frage der Woche am Sonntag als „Tatort“-Thema wiederfindet. Der SWR-Krimi mit TV-Kommissarin Ulrike Folkerts scheint dafür prädestiniert zu sein. Vor gut einem Jahr ließ der Lena-Odenthal-„Tatort“ mit dem Titel „Schatten der Angst“ aufhorchen, in dem es um den Mord an einem Türken in Ludwigshafen ging. Kurz vor der geplanten Ausstrahlung im Februar brannte in der Stadt ein Wohnhaus ab, in dem viele Türken starben. Der Krimi musste erst einmal verschoben werden und wurde dann im April 2008 ausgestrahlt. Ganz so dramatisch geht es im neuen Fall „Kassensturz“ nicht zu, aber das Thema Discountmärkte, Mitarbeiterkontrolle, Überwachungspraktiken ist in aller Munde, und was bei Lidl, der Telekom oder der Bahn für Schlagzeilen sorgte und sorgt, gibt auch schon mal ein gutes Mordmotiv im Fernsehen her.

Boris Blaschke, Gebietsleiter bei einer Discounterkette, wird jedenfalls tot auf einer Müllkippe in Ludwigshafen gefunden. Lena Odenthal und Kollege Mario Kopper (Andreas Hoppe) kriegen schnell heraus, dass der Mann bis zu seiner letzten Minute offenbar mächtig unter Druck stand. Ihre Ermittlungen führen sie in eine geschlossene Welt, der wir, die Zuschauer – billig ist gut – täglich aus der Sicht des zufriedenen Kunden gegenüberstehen: dem undurchsichtigen Milieu eines Lebensmitteldiscounters.

Die ist in diesem Krimi mindestens genauso hermetisch wie das Familienhotel im Odenthal-„Tatort“ „Sterben für die Erben“, bei dem Lars Montag auch schon beeindruckend Buch und Regie geführt hat. Montag zeigt uns die Schattenseiten des unregulierten Marktes: Spindkontrollen, Abmahnungen, Schikanen der Gebietsleiter, schließlich die Überwachung durch eine Detektei, wie das ja auch im wirklichen Leben vorkommen soll – das Arbeitsleben beim Supermarkt „billy“ ist geprägt von Angst. Der Arbeitsplatz als Schweigeorden. Einen Betriebsrat gründen? Bloß nicht. Wer das wagt, fliegt raus. Die Vorgesetzten scheuchen ihre Angestellten unter Androhung von Kündigung durch die Filialen („Es gibt draußen genug Arbeitslose oder auch Hartz IV“). Bis zu 30 unbezahlte Überstunden in der Woche sind an der Tagesordnung. Mit Ungerechtigkeit ist solch’ Praxis sanft umschrieben. Ein Krimi zur Wirtschaftskrise und zur allgemeinen Angst um den Arbeitsplatz, auch wenn die Plausibilität öfters unter dem sozialkritischen Anspruch zu leiden hat. Lena Odenthal, immer mehr eine Art Jeanne d’Arc unter Deutschlands TV-Ermittlerinnen, diesmal mit langen Haaren, steht wie gewohnt auf der richtigen Seite und bringt den Fall unaufgeregt zu Ende. Dass der größte Nutznießer von Blaschkes Ableben, der fiese Gebietsleiter Novak, kaum was mit dem Mord zu tun haben kann, dürfte Krimifans dabei schnell klar ein. Der großartige Jan Hendrik Stahlberg hat sich für die Fratze des Gebietsleiters etwas Besonderes einfallen lassen. Um völlig übernächtigt und fertig auszusehen, ist der Schauspieler jeden Morgen, nachdem er sein Kind in den Kindergarten gebracht hat, mit dem ersten Flieger von Berlin nach Ludwigshafen gekommen und hat ohne Maske gearbeitet.

Augenringe pur also, und irgendwie geht man nach diesen 90 Minuten Krimi mit einem anderen Gefühl einkaufen. Während des Drehs wurden die Überwachungspraktiken bei Lidl bekannt. „Das war verblüffend“, sagt der Regisseur. „Manche im Umfeld der Produktion waren vorher ein wenig skeptisch gewesen, ob es nicht etwas übertrieben sei, was wir in dem Film erzählen. Und dann gab’s den großen ,Lidl-Skandal‘, alles erwies sich als schlimmer.“ Danach sei das Buch nachgearbeitet worden. Ein interessanter ARD-Krimi, auch für die Gewerkschaften. Verdi ließ unter seinen Geschäftsstellen 30 DVDs verteilen. Das harte Arbeiten im Discounter – ganz so groß aufregen dürfte uns Zuschauer das aber nicht mehr. Wie heißt es in diesem „Tatort“: „Wer Waren unter Wert einkaufen will, darf sich nicht wundern, dass Mitarbeiter unter Wert behandelt werden.“

„Tatort“, ARD, 20 Uhr 15

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