TV-Tipp : Keine Gefangenen!

Eine Doku zeichnet das etwas einseitige Bild der einstigen deutschen „Musterkolonie“ Tsingtau.

Eckart Lottmann

„Gefangene werden nicht gemacht“, gab Kaiser Wilhelm den deutschen Soldaten mit auf den Weg, als sie sich einschifften nach China. Im Jahr 1900 sollten sie mithelfen, den sogenannten „Boxer-Aufstand“ in China niederzuschlagen. Dass sie das mit aller Brutalität taten, verschweigt Dietmar Schulz in seiner Dokumentation über „des Kaisers Musterkolonie“ in Tsingtau nicht. Nur bis 1914 konnten sich die Deutschen in ihrer Kolonie halten, noch heute finden sich zahlreiche Gebäude und Gegenstände, die an die Zeit der Deutschen erinnern.

Im damals errichteten Gouverneurspalast ist die heutige Stadtregierung von Tsingtau untergebracht, doch wirkt das Gebäude kaum verändert. Die evangelische Christuskirche hat auf ihrer Turmuhr den Namen des deutschen Herstellers stehen, eine andere Fassade ziert das Bild des Deutschen Reichsadlers. Wuchtig, trutzig schiebt sich ein ursprünglich deutsches Gebäude nach dem anderen ins Bild. Alte Fotos werden liebevoll abgeschwenkt, historisches Filmmaterial zeigt Chinesen, die ihre Karren die Straßen entlang ziehen. Dass die Deutschen sich das Land um die Bucht von Tsingtau einfach so nahmen, war nicht in Ordnung, sagt Schulz. Und sonst? Dass Teile der verarmten chinesischen Bauernschaft den später „Boxer-Aufstand“ genannten Aufruhr starteten, daran trugen Länder wie Deutschland – Frankreich, Großbritannien, Japan, die USA, auch Russland – eine große Mitschuld. Diese Länder pressten der hilflosen chinesischen Regierung die „ungleichen Verträge“ ab. Sie okkupierten chinesisches Land, bauten Eisenbahnlinien, importierten Waren und Religionen. Man könnte das als „kulturelle Überfremdung“ bezeichnen. Dietmar Schulz hat interessantes Bildmaterial gefunden, das die Niederschlagung des Aufstands beschreibt. Auch als 1914 japanische Truppen Tsingtau angreifen und die Deutschen besiegen, hat Schulz Spannendes zu erzählen: Die Japaner seien „schlimmer als die Deutschen“ gewesen. Wie die Deutschen mit den Chinesen umgegangen sind, kommt in diesem Film zu kurz.

Schulz zeigt lieber die noch von den Deutschen gebaute Schule, die heute noch die „beste Grundschule der Stadt“ sei. Zum Schluss sehen wir doch noch ein paar Bilder vom heutigen Tsingtau. Die Stadt hat zwei Millionen Einwohner, und im Zentrum stehen moderne Hochhäuser. Da staunen wir. Wir dachten doch, nach diesem Film, Tsingtau sei heute noch wie eine deutsche Stadt, wie damals.

„Tsingtau“, Mittwoch, Arte 22 Uhr 45

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