TV-Tipp : Liebe in Zeiten der Amnesie

Einen Notfallpatienten kann man nicht im Stich lassen: "Mit einem Schlag" zeigt, wie ein Schlaganfall das Eheleben verändern kann.

Kathrin Hillgruber

Sehstörungen, Schwindel, Lähmungserscheinungen und Sprachstörungen gelten als sichere Anzeichen für einen Schlaganfall. Dieses teuflische Symptom-Quartett ereilt den Bauunternehmer Jakob Neumann in dem Augenblick, als er nach einem Tag voller Ärgernisse zurück in seine Villa eilt. „Völlig unfähig, gib mir den mal!“ brüllt er gerade noch ins Handy, da liegt der attraktive Mann Anfang Sechzig auch schon in voller Länge regungslos auf dem Kiesweg. Tochter Janne, die ihre Verlobung verkünden wollte, stürzt herbei und ruft ihre Mutter, die just den Braten für die Gäste aufschnürt.

„Dieses Essen noch, dann bist du frei“, hatte sich Maria eigentlich vorgenommen. Sie erinnert sich an Jakobs Versprechen vor genau 32 Jahren beim gemeinsamen Joint auf einer Blumenwiese, ihr den Weg in den Himmel zu zeigen. Da der einstige Sponti nicht nur ihre gemeinsame Liebe vergessen zu haben scheint, sondern auch seine Ideale verraten hat und einen Autobahnzubringer durchs paradiesische Altmühltal plant, wollte Maria endlich „Basta!“ sagen und ihn verlassen. Doch nun kommt alles anders: Jakob erleidet eine völlige Amnesie. Einen Notfallpatienten kann man nicht im Stich lassen, jetzt hat sie der Kranke erst recht im Griff. Mit schiefem Mund lächelt Jakob die fremde blonde Frau an seinem Bett an.

Der BR-Film „Auf einen Schlag“ stellt sich einer großen Herausforderung: Wie lässt sich eine schicksalhafte Krankheit als Komödie präsentieren? Dass dieses Experiment in der Regie der Komödien-Expertin Vivian Naefe („Zuckerhut“) weitgehend glückt, ist vor allem das Verdienst der Schauspieler Gisela Schneeberger und Peter Simonischek als Maria und Jakob Neumann. „Wenn jemand nur das Gedächtnis verliert, ist das relativ unsinnlich“, meint Peter Simonischek: „Ich finde, man muss die Beschädigungen bei einem Schlaganfall schon auch irgendwie optisch sehen.“

Diese Gratwanderung bewältigt der gefeierte Salzburger „Jedermann“, der nach zwanzig Jahren an der Schaubühne Berlin „sehr vermisst“, vorzüglich. Mit „Reise in die Dunkelheit“ drehte Simonischek bereits 1997 einen Film über Alzheimer, der nur im Spätprogramm gezeigt wurde, da Gebrechensdarstellungen im Fernsehen weniger populär als heute waren. Es ist beeindruckend, wie er und seine Partnerin im Wechselspiel zwischen Tragödie und Komödie changieren: Jakob zwischen scheinbarer Erholung und plötzlichen Rückschlägen, Maria zwischen selbstloser Hingabe und dem immer wieder aufflackernden Überdruss, weiterhin an diesen Egomanen gekettet zu sein.

„Wahrscheinlich sieht sie am Ende doch den Wert einer langen Beziehung“, sagt die begnadete Komödiantin Gisela Schneeberger („Der Hahn ist tot“) über ihre eher pädagogische Rolle der Maria: „Da stecken ja auch Erinnerungen drin, die man sonst mit niemandem teilen kann. Trotzdem wissen wir nicht, wie lange ihre Geduld anhält.“

Es gibt unerwartet einen anderen Mann in ihrem Leben: Jakobs behandelnder Arzt Dr. Lutz Rensing (Rüdiger Vogler) macht ihr dezent, aber wirkungsvoll den Hof. Als ehemaliger Leiter einer Klinik für Straßenkinder in Kalkutta versteht er es, die Idealistin in ihr anzusprechen. „Schlafen wir eigentlich noch miteinander?“ will dagegen Jakob wissen, als sie in ihrem alten VW-Bus den ersten Kuss nachstellen, um seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Das bleibt nicht der einzige Aufbruch in einem Film, dem es bei aller Hochglanz-Ästhetik gelingt, Krankheit auch als Chance zu zeigen.

„Mit einem Schlag“, 20 Uhr 15, ARD

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