TV-Tipp : Ringen um den magischen Ort

Eine Doku über Wolfgang Wagners Vermächtnis verschränkt Kunst und Leben, Realität und Ästhetik.

Christine Lemke-Matwey
Festspielhaus Bayreuth
Das Festspielhaus in Bayreuth. -Foto: dpa

Die skurrilste Geschichte erzählt die Schauspielerin Daphne Wagner, Tochter Wielands, Schwester Nikes. Als Kinder hätten sie es brüllend komisch gefunden, wenn Großmutter Winifred im Festspielhaus verkehrt herum in ihrer Loge saß, stoisch, mit dem Rücken zur Bühne – weil ihr das Geschehen missfiel. Und es gefiel ihr oft nicht, was nach 1951 Bayreuths Bretter bevölkerte. Weniger komisch muss der Moment gewesen sein, als dieselbe Großmutter sie ihres Zuhauses, der Villa Wahnfried verwies: Wenn der Förster tot sei, müssten die Försterskinder gehen. Wieland Wagner starb mit 49. Die nationalsozialistische Verquickung der Familie war es, so Nikes starke These, die ihn so früh ins Grab gebracht habe.

Atridische Verhältnisse an einem magischen Ort. Bayreuth, sagt der Dirigent Christian Thielemann, sei ein Kalvarienberg, sein Kollege Daniele Gatti sieht im berühmtesten Opernfestival der Welt gar eine „Kriegsmaschine“. Dass beide recht haben, erhöht nur den Reiz, die Erotik.

Eklatant Neues im Ringen um den Grünen Hügel mag Michael Klofts und Peter Siebenmorgens Dokumentation nicht bieten. Bilder aus Stefan Herheims aktueller „Parsifal“-Inszenierung aber oder Ausschnitte aus Thielemanns „Götterdämmerungs“-Proben werden filmisch bravourös umgesetzt. In einer Verschränkung von Kunst und Leben, Realität und Ästhetik, wie sie eben nur in Bayreuth existiert. Und wenn Wolfgang Wagner, der 89-jährige Patriarch, seine Sänger tätschelt, dann haben diese Aufnahmen von 2006 Vermächtniswert. Morgen fällt in Bayreuth die Entscheidung über seine Nachfolge. Christine Lemke-Matwey

„Bayreuth: Götterdämmerung“, Arte, 22 Uhr 40

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