TV-Tipp : Schicksal in Schönhorst

Rührend, rau und herzlich: Der etwas andere Weihnachtsfilm mit Polizeihauptmeister Horst Krause.

Barbara Sichtermann

Man kennt den Polizeihauptwachmeister Horst Krause samt Motorrad und Hund aus dem „Polizeiruf 110“. Da ist er populär im Sinne von beliebt; kein harter Bulle, sondern ein Ordnungshüter mit Sinn für seines Volkes Befindlichkeit. Jetzt darf er auch mal Weihnachten feiern und statt Verbrechen ein weibliches Herz aufklären: dass es so schlimm dann doch nicht sei mit den Männern. Für Krauses Zuhause hat man sich den Ort Schönhorst ausgedacht, in dem ja des Wachtmeisters Vorname wiederkehrt und der in Wirklichkeit Gröben heißt und in Brandenburg liegt. Schnee liegt auch.

Das sind lauter märchenmäßig stimmungsvolle Voraussetzungen, und wenn man dann noch den Schauspieler Horst Krause hinzunimmt, den großen Dicken mit der rührend-rauen Herzlichkeit, muss man fürchten, dass es diesmal ein bisschen zu viel menscheln, um nicht zu sagen: krauseln könnte. Im Krimi sorgt der Faktor Mord ja immer für Furcht und Schrecken. Wo der Ausgangspunkt ein Verbrechen ist, kommt die Spezies Mensch selten zu gut weg, und wenn der Polizeihauptwachtmeister noch so verständnisvoll ist. Beim Weihnachtsfilm sieht es anders aus, da dräut der Kitsch schon vom Sujet und von den Weihnachtsbaumkugeln her. Doch Autor und Regisseur Bernd Böhlich hat die Gefahr der Sentimentalität und Süßlichkeit sozusagen mit links gebannt. „Krauses Fest“ ist ein Märchen und wie alle Märchen voller Ängste, Schmerzen und Unwahrscheinlichkeiten. Und deshalb von der Realität oder vom Realismus nur einen Zoll breit entfernt. Wobei „Zoll“ als Maßeinheit gedacht ist für Fantasie und Fantastik.

Bei Krauses ist das Fest ein gut eingespieltes Ritual. Horsts Schwestern, zwei schrullige alte Jungfern namens Elsa (Carmen Maja Antoni) und Meta (Angelika Böttiger) bereiten Eisbein und Hirschgulasch zu. Ein Baum wird geschmückt. Und dann wird geschlemmt und gefeiert nach alter Väter Sitte. Doch diesmal kommt es anders. Eine blonde Frau aus Berlin, sie heißt Marie (Gabriela Maria Schmeide), und ihr zwölfjähriger Sohn Fabian (Enno Trebs) haben eine Autopanne mitten in Schönhorst, Krause muss helfen. Während der Feiertage ist die Reparaturwerkstatt am Ort geschlossen, die Reisenden sitzen fest. Marie steigt mit Fabian im Gasthof der Schwestern ab, und der Wachtmeister entdeckt, dass die Dame gesucht wird. Was ist da los?

Während Krause diskret-mitfühlend Maries Geheimnis zu lüften versucht, kommen die Fremde und der Kommissar sich näher, was den misstrauischen Krause-Schwestern sowie dem frustrierten Fabian („Wo ist denn hier der Fernseher?“) gar nicht gefällt. Fabian haut ab, Krause greift ihn auf, gemeinsam brettern die zwei im Motorrad mit Beiwagen nach Berlin, wo sie der Wahrheit auf die Spur kommen.

Und am Ende hat Krause vor allem sein eigenes Herz aufgeklärt. Da war nämlich mal was in seiner Jugend mit einer Zirkusprinzessin. Fabian ist der Meinung, dass alte Briefe nicht nur alte Briefe sind, sondern dass die Geschichte, die sie erzählen, auf ihre Fortsetzung wartet. Wie es sich zu Weihnachten gehört, denn es ist ja das Fest einer Geburt und so auch ein Fest für Kinder, hat der Knabe nur allzu recht. Krause ist klug genug, das zu erkennen.

„Sage einer, es gebe kein Schicksal“, schreibt der Dicke an seine Jugendliebe, und in der Tat, das ist ein gutes Motto für diesen zärtlichen, fröhlichen Film, in dem viel altes und neues Leid hochkommt und Chuzpe und Kerzenschein dafür sorgen, dass die Hoffnung siegt. Man braucht ein Gefühl für den Charme des Ostens, des Dorfidylls mit dem Kirchlein, den Gänsen und den Backsteinbauten, mit der Untertechnisierung im urigen Gasthof.

Oder man entwickelt dieses Gefühl beim Schauen des Films – um dann mit Marie sagen zu können: „Es ist wirklich schön hier. Kein Fernseher, kein Computer. Das hätten wir schon früher machen sollen.“

„Krauses Fest“, ARD, 20 Uhr 15

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