TV-Tipp : Schmerz und Wahrheit

Verpasste Chancen, vertane Leben: Eine grandiose Jessica Schwarz in dem leisen Polit-Film „Ich wollte nicht töten“.

Thilo Wydra
Jessica Schwarz
Was tun? Robert (Hinnerk Schönemann) und Meike (Jessica Schwarz). -Foto: ZDF

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Ein geflügeltes Wort, ein Motto auch, unter dem die Hamburger Kommissarin Bella Block ihren Fällen nachgeht. Zwei dieser Fälle hat die Regisseurin Dagmar Hirtz inszeniert, und es ist, als ob jenes geflügelte Wort sich auch durch ihren Fernsehfilm „Ich wollte nicht töten“ wie ein roter Faden zieht. Die Geschichte, die Hirtz und ihre Autorin Frauke Hunfeld erzählen, ist einerseits eine übergeordnet politisch-historische, andererseits eine individuell-persönliche. In allem geht es um den Umgang mit der Wahrheit, um den Ersatz der Wahrheit durch die Lüge, die weniger schmerzlich erscheint, die eher zumutbar ist.

„Ob die Wahrheit nicht zerstörerischer ist als die Lüge“, darüber nachzudenken hat die Berliner Journalistin Meike Marndorfer (Jessica Schwarz) angesichts der sich überschlagenden Entwicklungen in ihrem kleinen geordneten Leben zunächst keine Zeit. Eine Informantin erscheint im Redaktionsbüro, sie müsse mit Meike sprechen, doch Meike wimmelt sie ab. Am Abend sieht Meike jene Frau auf der anderen Straßenseite beim Streit mit einem Mann. Die Frau geht über die Straße auf Meike zu, als ein Auto sie frontal erfasst. Sie stirbt vor Meikes Augen. Meike lässt die junge Frau, Lena Kehl, nicht los. Sie riskiert, vom Chefredakteur gefeuert zu werden, der sie nach New York schicken will. Auch Meikes Freund Johannes (Martin Feifel) versucht, sie davon abzuhalten, der Sache nachzugehen. Meikes Recherchen führen nach Neubrandenburg. Dort findet sie Lenas verschlossenen Freund Robert (Hinnerk Schönemann). Und sie begegnet dem Mann, den sie an jenem Abend streitend mit Lena sah, Lenas Vater, einst Soldat an der DDR-Grenze…

„Ich wollte nicht töten“ funktioniert auf mehreren Ebenen. Da ist das Politische und das Private. Der Umgang mit der DDR-Vergangenheit und vernichteten oder weiter existierenden Akten. Da sind heute noch fatale Spuren in deutsch-deutschen Biographien, in diversen Einzel-Schicksalen. Durch die kurze Begegnung mit Lena wird Meikes Leben nie wieder so sein, wie es einmal war. Ihre Identität wird sich verschieben, ihre Selbstwahrnehmung eine andere sein, muss sie doch Dinge über ihre Herkunft, ihre Wurzeln erfahren, die ihr jahrelang verheimlicht wurden. Es geht um verpasste Chancen, um vertane Leben auch. Jemanden schützen, indem man ihm die Wahrheit vorenthält – das ist das Kernthema dieses behutsam inszenierten, völlig unprätentiös gehaltenen Dramas, in dem Jessica Schwarz sehr geerdet wirkt, den schmerzlichen Erkenntnisprozess ihrer Figur glaubwürdig darstellt.

Am Ende steht Meike vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens. Sie hat unwissentlich über sich selbst recherchiert. Einerseits. Und sie ist stärker geworden, ist endlich bei sich angekommen. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Unbedingt. Thilo Wydra

„Ich wollte nicht töten“,

ZDF, 20 Uhr 15

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