TV-Tipp : Um die Zukunft betrogen

„Meine Hölle Europa“: Ein Dokumentarfilm im WDR beobachtet den Handel mit Afrikas Frauen.

Hans-Jörg Rother

Faith, Linda, Betty und Queen haben die Hölle überstanden. Es begann ganz harmlos, als ein Cousin oder ein Onkel den Eltern die guten Verdienstmöglichkeiten ihrer Töchter in Europa ausmalte. Beim Schwur im Voodoo-Schrein, den neuen Herrinnen bedingungslos zu gehorchen, ahnte manche nichts Gutes, aber da war es zu spät. Tage voller Vergewaltigungen beim Stopp des Mädchentransports mitten in der Wüste. Langes Warten in Marokko, bis sich die Gelegenheit zur Überfahrt bot. Die Reise von Nigeria bis nach Turin, wo sich Dutzende afrikanische Frauen mit Osteuropäerinnen den Straßenstrich teilen, kann ein Jahr dauern.

Lukas Roegler, der diesen in Inhalt und Gestaltung beeindruckenden Dokumentarfilm ohne Fördergelder oder Beteiligung eines Senders schuf, rekonstruiert aus den Berichten der vier nach Jahren Heimgekehrten und aus atmosphärischen Beobachtungen an den kalten Ausfallstraßen Turins die Leiden der Betrogenen und das System der Ausbeutung. Jeder Auflehnungsversuch wird mit Schlägen geahndet, und der Aberglaube tut ein Übriges, sich der horrenden Geldforderung der ebenfalls aus Nigeria stammenden Madames zu unterwerfen. Wenn sie endlich ihren Körper Tausende Male verkauft haben und ihre „Schuld“ erloschen ist, sind sie noch lange nicht frei, sondern werden aufgrund einer Anzeige der Madame in die Heimat abgeschoben. Europa braucht sie nicht mehr, neue Ware rückt nach.

Die Brutalität vieler Freier besonders ihnen gegenüber hat bei den Frauen tiefe Spuren hinterlassen. In extremen Fällen stehen ihnen karitative Schwestern bei, die für sie auch einmal vor Gericht eine Versicherungsleistung durchfechten. Doch das Ausbeutungssystem scheint niemand unterbinden zu können, weder in Italien noch in Nigeria, vor allem, solange die Betroffenen auf die Versprechungen hereinfallen. Immerhin helfen Weiterbildungsprogramme den Zurückgekehrten, nun ihr Geschick in die eigenen Hände zu nehmen. Eine der vier Frauen, die Roegler bereitwillig ihren Leidensweg schildern, hat einen Frisörladen eröffnet. Glücklich präsentiert sie sich mit ihrem kleinen Mädchen auf der Schulter, das es einmal besser haben soll. Für andere mag das Abenteuer Europa weniger gut enden. Es sollte besser nicht erst beginnen – wenn endlich alle die Illusionen durchschauen, mit denen der alte Kontinent noch immer die Kolonisierten betört. Hans-Jörg Rother

„Meine Hölle Europa“, WDR, um 23 Uhr 15

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