TV-Tipp : Ungeschminkt: Frank Castorf im Arte-Porträt

Einer seiner neueren Theaterabende trägt den Titel „Hunde – Reichtum ist die Kotze des Glücks“. Mainstreamveranstaltungen heißen anders. Ist Volksbühnen-Chef Frank Castorf in letzter Zeit doch der freakige Außenseiter geworden, als den ihn gereizte Theaterkritiker immer häufiger beschreiben?

Tom Peuckert

Ein publikumsabgewandter Eigenbrötler ohne zukunftsträchtige Ideen? Ein erloschener Vulkan? Was treibt den Mittfünfziger, der im Theater alle Schlachten gewonnen hat, jetzt noch an? Warum schmeißt er am Rosa-Luxemburg-Platz noch immer den Laden?

Die Arte-Reihe „Mein Leben“ gibt Auskunft. Die Berliner Filmemacherin Adama Ulrich hat Castorf porträtiert. Ein Film ohne eigene Worte, ein ruhiger Fluss der Bilder. Castorf flaniert durch die Stadt, tigert durch die Katakomben der Volksbühne, erklimmt seine Dachwohnung in den Hackeschen Höfen. Er macht vor der Kamera das, was er ziemlich gut kann: Er redet. Von seiner Jugend am Prenzlauer Berg und von den Inspirationsquellen der Theaterarbeit. Von der Kunst, die für einen wie ihn alltägliche Plage ist, aber eben auch die Quelle des Glücks. Mit ironischem Understatement definiert sich Castorf als professioneller Querulant. Regieführen sei der herrlichste Beruf der Welt. Man müsse immer nur quatschen.

Ulrich beobachtet ihren Hauptdarsteller mit einfühlsamer Intelligenz. Wir sehen, wie bei den Theaterproben in der Volksbühne dann doch der Vulkan brodelt, wie unter der Castorf’schen Regiepeitsche alles Rhythmus wird, Intensität und Leidenschaft.

Seine bundesrepublikanische Lebenswelt vergleicht Castorf mit einem wohlausgestatteten Friedhof. Die Wahrheit über das Leben, das wir leben, verberge sich hinter dicken Schichten aus Schminke, Lüge, Selbstbetrug. Solange man ihn lässt, wird Castorf im Theater wohl an dieser Existenzschminke herumkratzen. Ein friedlicher Friedhofsgärtner wird aus dem Volksbühnen-Chef bestimmt nicht mehr. Tom Peuckert

Mein Leben: Frank Castorf, Arte, Sonntag, 18 Uhr 15, siehe auch Seite 24

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