TV-Trend : M.A.S.H. in Serie

Immer mehr Formate machen aus der harten Wirklichkeit leichte Unterhaltung.

Wilfried Urbe

Große politische Krisen, gesellschaftliche Probleme, globale Herausforderungen, davon lebt die aktuelle Berichterstattung im Fernsehen – und neuerdings auch das „light entertainment“. So gewähren auf der deutschen Version des amerikanischen US-Kabelkanals „Comedy Central“ die Publikumslieblinge „Diese Osamas“ in der Reihe „Kargar trifft den Nagel“ einen Blick ins Alltagsleben einer fundamentalistischen Terroristenfamilie. In England hat vor kurzem die BBC-Show „Know your Planet“ für hohe Zuschauerquoten gesorgt. Aus Skandinavien kommt das Format „Apocalypse now“: mit gestellten Szenen, in denen „Umweltterroristen“ Schwäne in Öl tauchen oder Batterien im Park vergraben, während mit versteckter Kamera die Reaktion ahnungsloser Passanten gefilmt wird. Und in den USA halten nicht nur auf dem konservativen US-Sender Fox „Die Simpsons“ der Nation den Spiegel vor, sondern auch die Zeichentrickreihe „American Dead“, die von einem Vater handelt, der als CIA-Agent arbeitet. CBC feiert Erfolge mit der Sitcom „Little Mosque on the Prairie“, in der es um Muslime geht, die im Westen Kanadas leben.

Oliver Fuchs von Eyeworks Deutschland produziert „Kargar trifft den Nagel“ und glaubt, dass Deutschland reif für Formate ist, die spielerisch mit ernsten Themen umgehen. Jetzt arbeitet er an einer politischen Sketchshow: „So etwas gibt es in Deutschland noch nicht. Kabarett und Satire haben hierzulande zwar eine lange Tradition, kommen aber als TV-Genre etwas antiquiert daher.“ Kurze Clips, die nach „bester Comedy- Art“ und auf „zwei Ebenen“ funktionieren: für politische weniger Interessierte und für politisch Interessierte – so stellt sich Fuchs das Format vor, das das breite Fernsehpublikum ansprechen soll.

Der amerikanische Entertainment-Produzent Tim Gibbons ist sich ebenfalls sicher, dass auch Unterhaltungsformate geeignet sind, um aktuelle Entwicklungen aufzugreifen. Amüsiert berichtet er von einem „Fake“-Dorf in der Mojave-Wüste von Arizona: „Die US-Armee hat dort eine irakische Stadt nachgebaut, wo Soldaten trainiert werden, die in den Irak müssen. Teenager aus dem Umland spielen die Einwohner, angeleitet von echten Irakern.“ Für Gibbons ist das so absurd, dass er dieses Szenario nachbilden möchte, um eine „Real life“-Parodie im Stil des Antikriegsfilms „M.A.S.H.“ zu inszenieren: „Comedy ist eine gute Art, mit solchen Themen umzugehen. Es ist zwar hochpolitisch, aber der Zuschauer erlebt das eher unterschwellig und ohne erhobenen Zeigefinger. Und das ist auch gut so, denn die Wirklichkeit ist schon hart genug.“

Die Tendenz, schwere Themen öfter in der leichten Unterhaltung zu verwenden, wird von Medienwissenschaftler Jo Groebel bestätigt: „Die 90er Jahre waren vom Hedonismus geprägt – als Spiegel einer Gesellschaft, die sich ab den 80ern von sozialen Themen verabschiedete.“ Die Zeit der „Spaßgesellschaft“ sei insofern vorüber, dass soziale Verantwortung wieder im großen Stil propagiert werde, etwa durch Prominente. „Das sind Wellenbewegungen, die mit der Gesellschaft und mit der Dramaturgie von Fernsehen zu tun haben“, ergänzt Fuchs, „zusätzlich haben sich Hybridformen herausgebildet. Themen, die vorher als unvereinbar galten, werden zusammengefügt, ob das jetzt Reality-TV und Quiz ist oder anderes.“

Tatsächlich scheinen Irak und Humor auf den ersten Blick unvereinbar, doch, so Groebel, „in einer Mediengesellschaft, die schon alles gesehen hat, sind solche Kontraste mit einem Erregungsfaktor verbunden. Gibbons jedenfalls hat festgestellt, dass der Entertainmentbereich in den USA noch politischer wird, da die Präsidentschaftskampagnen in die heiße Phase kommen. „Bei dem, was um uns herum überall passiert, wird das Genre weiter wachsen. Denn das ist eine natürliche Reflexion dessen, was in Alltag und Kultur geschieht.“

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