TV-Vorschau : Lach- und Sachgeschichten

Gebrochene Herzen, Vulkanausbrüche, der Mauerfall und Jürgen Vogel in der „Schillerstraße“ – so wird das Fernsehjahr 2009

Christian Bartels

Noch ist ungewiss, welche Ergebnisse in den vielen Wahlsendungen 2009 verkündet werden. Ebenso, wie im Sommer die neue Aufteilung der Bundesliga im ARD-Programm aussieht. Doch einige Höhepunkte im Fernsehjahr 2009 stehen jetzt schon fest – ein kleiner Überblick.

Events

Dem Genre „Eventfilm“ geht es blendend. Die dramatische Verdichtung von Geschichtchen treibt es immer weiter voran – auch bei RTLs Filmereignis „Die Jahrhundertlawine“ mit Désiree Nosbusch im Februar. Die „mitreißende“ Lawinen-Story ließ der Sender von der ARD/ZDF-Tochter Bavaria verfilmen. Teamworx wurde damit beauftragt, einen Vulkanausbruch in der Eifel digital auszumalen – der Vulkan soll in der Story als Metapher für die Konflikte der Filmfiguren dienen, und umgekehrt, heißt es. Teamworx ist auch fürs ZDF tätig und dreht „Das Geheimnis der Wale“. Veronica Ferres spielt mit und deckt in ihrer Rolle einen Umweltskandal in Neuseeland auf. Pro Sieben lässt in „Crashpoint: Berlin“ ein voll besetztes Flugzeug manövrierunfähig auf Berlin zusteuern. „Eine Liebe tief wie der Ozean“ (Sat 1) erlebt Nora Tschirner, die 2008 mit Til Schweigers Kinofilm „Keinohrhasen“ einen Erfolg feierte, als britische Spionin auf einem deutschen U-Boot im Zweiten Weltkrieg. Historisch weiter zurück geht das ZDF mit einem Dreiteiler über die Industriellenfamilie „Die Krupps“, in dem Iris Berben als Bertha Krupp zu sehen ist. Zu den vielen guten Gründen, sich derzeit im Kino „Die Buddenbrooks“ mit Berben als Betsy Buddenbrook zu ersparen, zählt übrigens, dass die Fernsehfassung bereits 2009 ausgestrahlt wird. Durchschnittlich dürfen die Zuschauer ungefähr alle zwei Wochen ein Event erwarten.

Prominenz

Je länger das Fernsehen das Leitmedium ist, oder je ungewisser seine Aussichten sind, es trotz Internet zu bleiben, desto öfter spielen aktuelle Fernsehprominente Medienprominente der Vergangenheit. So verkörpert Matthias Schweighöfer in der ARD-Filmbiografie „Mein Leben“ den ehemaligen ZDF-Moderator und Fast-Fernsehpreis-Träger Marcel Reich-Ranicki. Jessica Schwarz ist Romy Schneider, dieser für sein „leidenschaftlich und intensiv gelebtes Leben“ (ARD) sowie aus dem gern eingespielten Talkshow-Ausschnitt mit Burkhard Driest bekannte Weltstar. „Es liegt mir auf der Zunge“ erzählt vom 50er-Jahre-Fernsehkoch Clemens Wilmenrod (Jan Josef Liefers). Das wird eher ein Drama; der „Toast Hawaii“-Erfinder nahm sich in den 60ern das Leben. Grundsätzlich aber könnte die Verfilmung von Fernsehkoch-Biografien ein dankbares neues Subgenre werden.

Mauerfälle

„Das Wunder von Leipzig – Wir sind das Volk“ ist anders als die zuvor verfilmten Wunder von Lengede, Bern, Berlin (und Loch Ness) kein Spielfilm, sondern vorrangig Dokumentation über den Oktober 1989. Aber natürlich mit Spielszenen. An der Überwindung der Unterschiede zwischen Fakt und Fiktion arbeiten alle Seiten emsig. Und wenn auch „Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen“ schon 2008 lief, wird es zum 20. Jahrestag neue primär dramatische Aufarbeitungen geben: „Der Mauerfall“ (Regie: Friedemann Fromm) erzählt eine „hoch emotionale Geschichte von Schicksalen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs“ (ARD) zwischen 1974 und ’89. Ab Ende Januar verfolgt das ZDF-Dokudrama „Die Wölfe“ deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte dreiteilig über die Etappen Luftbrücke, Mauerbau und -fall. Regie führte ebenfalls Friedemann Fromm, der auch als Regisseur eines geplanten RTL-Eventfilms, in dem die deutsch-deutsche Grenze wieder aufgebaut wird – bislang reine Fiktion – vorgesehen ist.

Krimi-Expansion

Natürlich vernachlässigen die öffentlich-rechtlichen Sender ihren längst eingebürgerten Auftrag nicht, regelmäßig in netter Form überschaubare Verwicklungen mit deutschen Darstellern an exotischen Schauplätzen zu zeigen. An Filmen wie „Unsere Farm in Irland“, „Island – Herzen im Eis“ und „Unter der Sonne Uruguays“ wird auch 2009 kein Mangel herrschen. ARD und ZDF führen die Megatrends Eskapismus und Krimi sogar an neuen Schauplätzen kühn zusammen. Mit dem ARD-„Kommissar LaBréa“ aus Paris erobern sich deutsche Fernsehdarsteller erstmals französisches Terrain. „Den sympathischen Ermittler, der auch als alleinerziehender Vater gefordert“ (ARD) und selbstredend als reihenweiser Held im Stil der Commissarios Brunetti und Laurenti angelegt ist, spielt Francis Fulton-Smith, ansonsten u. a. „Dr. Kleist“ aus Eisenach. Frankophile Deutsche, die es angesichts von Gudrun Landgrebe und Valerie Niehaus als Pariserinnen gruselt, können ja zu Arte zappen. Einen noch gewagteren Schauplatz für deutsche Reihenkrimis entert das ZDF, indem es Batya Gurs „Denn die Seele ist in deiner Hand“ verfilmt. Als Kommissar Ochajon von der Jerusalemer Mordkommission tritt Heiner Lauterbach auf.

Doku & Reality

Die Begriffe sind so ausgehöhlt, dass längst alles hineinpasst, Ähnlichkeiten mit Realität zufällig sind, aber vorkommen können. Der Restauranttester-Sender RTL bringt „Der Hotelinspektor“. Sat 1 zeigt ab Februar „Die Gerichtsvollzieher – klingeln, klopfen und kassieren“. Die Alliteration erinnert an die „Sonne, Suff und Single-Clubs“-Strategie, mit der sich RTL 2 etabliert hat. Wenn Sat 1 erst von Berlin nach Unterföhring gezogen ist, ist auch die räumliche Nähe zum RTL-2-Sitz im südwestlicheren Grünwald da. Und wenn der neue Chef Guido Bolten die Erwartungen erfüllt, macht er aus Sat 1 auch so einen Sender, der mit noch nicht völlig verbrauchten Allerwelts-Programmideen verlässlich hinreichende Quoten erzielt.

Show

Jürgen Vogel hatte Sat 1 vielleicht noch für eine Berliner Adresse gehalten, als er für die „Schillerstraße“ anheuerte. Goutierbar ist die Improvisationsshow zwar ohnehin nur mit Kölschem Humor. Wenn sie aber Ende Januar startet, ist das Sat-1-Niveau mit Sendungen wie „Die schönsten Frauen aller Zeiten“ und „Der Männer-Test“ voraussichtlich schon nach unten optimiert. Ansonsten werden weiterhin Super-, Pop- und Holt-mich-hier-raus- Stars sowie Topmodels ermittelt. Hape Kerkeling kam RTL als „Let’s Dance“-Moderator abhanden, weil ihn das gebührengesättigte ZDF als Moderator eines Geschichtsquiz entdeckt hat. „Die beste Idee Deutschlands“ sucht wiederum Sat 1 und preist die Idee zu dieser Sendung online so an: „Vom Buchdruck (Johannes Gutenberg) bis hin zum Fernsehen (Manfred von Ardenne) stammen die wichtigsten Erfindungen der Neuzeit aus Deutschland“. Vergleichbar gute Ideen im deutschen Unterhaltungsfernsehen wären faustdicke Überraschungen.ÄHM: SIC]

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