TV-Wahlkampf : Wählen heißt nicht quälen

Vielfalt zuerst: Das ZDF steuert im Fernsehen und im Netz auf den 27. September zu.

Joachim Huber
Illner
ZDF-Talkmasterin Maybrit Illner nimmt in ihrem neuen Format Parteien und Programme hart ran. -Foto: ZDF

Piratenpartei hin, Piratenpartei her, die deutsche Politik ist immer noch analog. Für die Bundestagswahl wird der Kampf um die Stimmen auf den Plätzen, im Fernsehen, in den Zeitungen, auch im Radio ausgetragen. Wahlkampf online, naja, wird schon stattfinden, und wo er stattfindet, bei StudiVZ, Facebook etc., wird er sich an Erst- und Jungwähler richten.

Das ZDF hat seine Anstrengungen zu den Landtagswahlen am 30. August und zur Bundestagswahl am 27. September entsprechend ausgerichtet. Im ZDF-Programm wird es wieder ein breitgefächertes Informationsangebot geben, bei mehreren Sendungen soll sich der „interaktivierte Bürger“ beteiligen, ZDFonline bündelt unter www.wahl.zdf.de Specials, Formate und Inhalte auf einer Sonderseite.

Ob Fernsehen, Print oder online, der Bundestagswahlkampf 2009 wird „schwieriger“ als der 2005, sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender beim Pressegespräch in Berlin. „Wo liegen die Unterschiede zwischen den großen Parteien, wo zeigen sich Alternativen?“ Das sei bei den kleineren Parteien einfacher, sagte Brender. Orientierung und Klarheit für den Wähler zu schaffen, sei die Hauptaufgabe in den bevorstehenden Wochen.

Eine Aufgabe, die das ZDF nach Ansicht Brenders schon in Angriff genommen hat. Die gerade gelaufene, dreiteilige Dokumentation „Nicht von schlechten Eltern“, die Reportage „Menschen im Minus – Wie die globale Wirtschaftskrise unser Leben verändert“ am 16. Juli zählt er dazu. An fünf Dienstagen vom 21. Juli an wird es die Livesendung „Illner intensiv“ geben. Das Halbstundenformat wird, beginnend mit Bündnis 90/Die Grünen, die fünf im Bundestag vertretenen Parteien „einem Check auf Herz und Nieren“ unterziehen. Maybrit Illner gibt die strenge Schwester, jede Partei darf drei Vertreter untersuchen lassen. Interaktiv? In einem „Live-Forum“ können Zuschauer ihre Fragen und Kommentare abliefern.

Die gesamte ZDF-Wahlplanung zeigt den Willen zum frühen Termin. Aus der Erfahrung früherer Bundestagswahlkämpfe, „wonach der Überdruss des Zuschauers umso mehr wächst, je näher der Wahltermin rückt“ (Brender), herrscht ab Ende Juli Wahlkampffieber im Zweiten. Am 25. Juli startet die sechsteilige Doku-Reihe „3 Tage Leben“, sechs prominente Politiker, wie zum Beispiel der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach, schlüpfen für 72 Stunden in das Leben von „ganz normalen“ Bürgern. Das Format gab es schon im Wahlkampf 2005.

Ex-„Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust arbeitet auch wieder für das ZDF. „Frontal 21“-Redaktionsleiter Claus Richter und Aust, die als Autoren im preisgekrönten Dreiteiler „Wettlauf um die Welt“ die Globalisierung beschrieben haben, sind als Duo tätig: „Wettlauf um die Welt – Aufbruch aus der Krise“ (28. Juli) und „Auferstanden aus Ruinen. Von der SED zur Linkspartei“ (19. August) heißen die gemeinsamen Stücke. Dass Stefan Aust auch alsWahl-Moderator für den Privatsender Sat 1 auftreten wird, stört ZDF-Chefredakteur Brender überhaupt nicht: „Die wahren Stärken von Stefan Aust liegen eindeutig im Dokumentarischen.“ Früh im August hat das ZDF die Porträts von „Kandidat Steinmeier“ (4. August) und „Kanzlerin Merkel“ (eine Woche später) angesetzt.

Nach den Landtagswahlen am 30. August in Thüringen, Sachsen und im Saarland holt das ZDF verstärkt Politiker ins Studio. Maybrit Illner bittet am 10. September zum „TV-Dreikampf“ mit Renate Künast (B’ 90/Die Grünen), Guido Westerwelle (FDP) und Gregor Gysi (Die Linke), das „ZDF-Wahlforum 2009“ wird vom 25. August an in drei Liveausgaben mit Vertretern aller im Bundestag vertretenen Parteien angeboten. Das „Forum“ am 15. September soll gar open end gehen. Während die Politiker der kleineren Parteien jeder Einladung gern folgen, zieren sich die Spitzenkräfte von CDU und SPD. „Das TV-Duell: Merkel gegen Steinmeier“ hat noch keinen definitiven Termin – Brender erwartet den 13. September –, Gleiches gilt für die „Berliner Runde“ mit allen Spitzenkandidaten.

Die Redaktion um ZDFonline-Chef Eckart Gaddum gibt sich aktuell, analytisch und interaktiv. Politik mag harte Arbeit sein, hier wird sie auch Spaß, wie sich bei „Open Reichstag“ zeigt. Politiker drehen dort den Spieß um und fragen Wähler per Youtube-Video. Andrea Nahles/SPD: „Was ist für Sie gute Arbeit?“ Antwort eines abgeklärten Youtubers: „Gute Arbeit ist eine solche, die sich selbst abschafft.“

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